predigt

Predigt zum Sonntag der Orthodoxie (2026)

Joh 1:43-51

Roman Bannack, Priester | Zugriffe: 21
Predigt zum Sonntag der Orthodoxie (2026)

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Im Herrn geliebte Brüder und Schwestern! Die erste Woche der Großen Fastenzeit liegt hinter uns. Wer in diesen Tagen in der Kirche war, wer den Bußkanon gehört hat, wer auf die gesammelte Ordnung des Gottesdienstes geachtet hat, der hat gespürt: Das Fasten tritt nicht als äußere Speisenregel in unser Leben ein, sondern als eine Veränderung unseres inneren Blicks. Es wird stiller im Inneren, und in dieser Stille erklingen die Worte der Heiligen Schrift deutlicher.

In der Frühzeit war dieser erste Sonntag der Großen Fastenzeit dem Gedenken an die Propheten gewidmet. Und die heutigen Lesungen bewahren diese Spur. Der Apostel spricht im Hebräerbrief von Mose, der „die Schmach Christi für größeren Reichtum hielt als die Schätze Ägyptens“, und von vielen anderen, die durch Entbehrungen und Leiden hindurchgingen und an der Verheißung festhielten (Hebr 11). Sie sahen deren Erfüllung nicht, aber sie lebten, als wäre sie bereits nahe.

Und in der heutigen sonntäglichen Evangeliumslesung hörten wir von der Berufung des Philippus und des Nathanael in die Nachfolge Christi. Zum Philippus sagt der Herr einfach: „Folge mir nach!“, doch mit Nathanael war es etwas schwieriger.

Nathanael ist nämlich ein gelehrter Mann, der die Heiligen Schriften gut kennt. Darum zweifelt er zunächst, als Philippus sagt, sie hätten „den gefunden, über den Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, den Sohn Josephs, aus Nazaret“. Tatsächlich gibt Gott bereits durch den Propheten Mose die Verheißung der Geburt des Erlösers „aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern“ (Dtn 18,15). Die übrigen Propheten fügten weitere Einzelheiten über die künftige Geburt des Messias hinzu, und eines dieser Details war die Prophezeiung, dass der Erlöser in der Stadt Bethlehem geboren werden wird.

Deshalb antwortet Nathanael dem Philippus: „Aus Nazaret kann etwas Gutes kommen?“ Philippus bietet ihm daher den einzig richtigen Weg an: „Komm und sieh!“

Und tatsächlich bekennt Nathanael, als er Christus sieht: „Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König Israels!“ Der Herr lobt ihn: „Siehe, wahrhaftig ein Israelit, in dem kein Trug ist.“ Der Herr spricht von Nathanael als einem gewissenhaften Menschen.

Das Bild des Nathanael sagt jedem von uns: Der Glaube soll nicht blind sein, sondern bewusst. Überhaupt ist Glaube nicht „Ausschaltung der Vernunft“. Glaube ist bewusstes Vertrauen auf Gott. Er erschöpft sich nicht im Wiederholen einstudierter Formeln. Man kann die heiligen Texte auswendig kennen, man kann sich an den Gottesdienst gewöhnen, man kann sich automatisch bekreuzigen und verneigen – und dabei innerlich Christus gar nicht sehen. Die Worte des Glaubensbekenntnisses, die Gebete, die Gesänge verlangen nach der Aufmerksamkeit des Herzens. Man muss sie durchdenken, durchleben, mit dem eigenen Leben in Beziehung setzen. All das soll einer lebendigen Gemeinschaft mit Gott dienen.

Der heutige Sonntag wird „Sonntag der Orthodoxie“ genannt. Dieses Fest wurde im 9. Jahrhundert zum Gedenken an die Wiederherstellung der Ikonenverehrung eingeführt. Und es geht dabei keineswegs nur um eine Frage der Kirchenkunst, sondern um ein Zeugnis genau jener evangelischen Wahrheit, dass Gott Mensch geworden ist, in die Welt eingetreten ist, sichtbar wurde und folglich auf heiligen Bildern dargestellt werden kann. Indem wir die heiligen Bilder verehren, bekennen wir, dass Christus um unseres Heiles willen in die Welt gekommen ist, dass das Unsichtbare sichtbar wurde. Darum ist der Sonntag der Orthodoxie der Sieg des Glaubens an die Wahrheit der Menschwerdung Gottes. Damals, im 9. Jahrhundert, verteidigte man nicht einfach den Brauch, Kirchen künstlerisch auszugestalten, sondern das Wesen des christlichen Glaubens selbst.

Die Ikone wendet sich an unser Sehen, so wie sich das Evangelium an das Hören wendet. Sie lehrt uns, aufmerksam auf Christus zu schauen. Wenn der Blick nicht abschweift, sondern sich sammelt, dann beginnt auch der Mensch sich allmählich zu verändern. In der Kirche sehen wir neben dem Erlöser die Heiligen, die Apostel, die Propheten und die Märtyrer – jene, von denen der Apostel als von der „Wolke der Zeugen“ sprach. Viele von ihnen sahen, wie wir, nur das Bild Christi, aber sie lebten so, dass dieses Bild ihr Leben verwandelte.

Die Große Fastenzeit ist eine Zeit, in der die Kirche uns erneut vor die Wahl stellt: Bleiben wir auf der Ebene der Gewohnheit oder entschließen wir uns, tiefer zu gehen? Die Propheten erwarteten den Messias mit ihrem ganzen Leben. Nathanael scheute sich nicht zu prüfen und sich zu überzeugen. Der Apostel ruft uns auf, „hinzuschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens“ (Hebr 12,2).

Wenn in den vergangenen Tagen unser Herz ein wenig aufmerksamer geworden ist, wenn unser Gebet aufgehört hat, nur Klang zu sein, dann sind wir bereits in die Fastenzeit eingetreten. Lasst uns diese innere Sammlung bewahren, damit unser Bekenntnis zu Christus nicht nur gesprochen, sondern auch gelebt wird. Amen.

Geschrieben von Roman Bannack, Priester