Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!
Im Herrn geliebte Brüder und Schwestern, heute ist der letzte Sonntag vor der Großen Fastenzeit, der Tag des Gedenkens an Adams Vertreibung aus dem Paradies.
Wir wissen: Adam und Eva sündigten, indem sie von der verbotenen Frucht aßen. Doch nicht der Akt des Essens an sich brachte ihnen das Verderben. Der Herr kam zu ihnen „in der Kühle des Nachmittags“ – ruhig, ohne Donner und Blitz. „Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?“ (Gen 3,8-9) – nicht weil Er es nicht wusste, sondern weil Er eine Gelegenheit zur Antwort geben wollte. Gott selbst sucht den Menschen, geht als Erster auf ihn zu.
Und hier liegt der entscheidende Moment. Nicht ein Richter mit einer Anklage tritt vor den Angeklagten, sondern ein Vater kommt zu seinem verlorenen Kind. So wird es auch im Gleichnis des Evangeliums sein: „Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und hatte Erbarmen“ (Lk 15,20).
Doch anstelle von Reue ertönt eine Rechtfertigung: „Die Frau, die du mir gegeben hast…“; „die Schlange hat mich betört“. Sie schieben ihre Schuld ab – aufeinander und sogar auf Gott. Und ein einfaches Wort blieb unausgesprochen: „Vergib mir.“ Die Pforten des Paradieses schlossen sich nicht, weil Gott nicht vergeben, sondern weil der Mensch nicht umkehren wollte.
Die heutige Evangeliumslesung beginnt mit den Worten: „Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben“ (Mt 6,14). Diese Worte folgen unmittelbar auf das Gebet „Vater unser“ und erschließen dessen Sinn. Wir bitten: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Und der Herr sagt klar: In dem Maße, wie du vergibst, wird auch dir vergeben werden.
Dies ist ein Gesetz des geistlichen Lebens. Man kann getauft sein, orthodox, man kann sogar Theologe sein, die heiligen Mysterien Christi empfangen – aber wenn wir unseren Nächsten ihre Verfehlungen nicht von Herzen vergeben wollen und nicht vergeben, empfangen wir selbst auch keine Vergebung der Sünden von Gott.
Manchmal erscheint uns die Große Fastenzeit als eine düstere Zeit, die man um des Lichtes von Ostern willen ertragen muss. Selbst äußerlich wird alles strenger, dunkler. Doch die heutige Apostellesung spricht anders:
„Und tut dies, weil ihr die Zeit erkennt, dass die Stunde schon da ist, da ihr vom Schlaf aufwachen sollt. Denn jetzt ist unser Heil näher als damals, als wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts!“ (Röm 13,11–13).
Das heißt, die Fastenzeit ist nicht Finsternis, sondern bereits die Morgendämmerung. Nicht eine Zeit der Niedergeschlagenheit, sondern eine Zeit des Erwachens. Die Nacht liegt hinter uns, der Tag naht.
Das Fasten ist ein Mittel, das uns die Kirche gibt. Enthaltsamkeit ist nicht um der Entbehrungen willen nötig, sondern um zu lernen, die gestörte Ordnung wiederherzustellen: Der Geist des Menschen soll Gott zugewandt sein, nicht dem Leib, und der Leib soll dem Geist gehorsam sein, nicht den Gelüsten, Leidenschaften und äußeren Einflüssen. Die Fastenzeit gibt dem Menschen seine innere Ganzheit zurück.
Interessant ist, dass es manchmal leichter fällt zu fasten, als zu vergeben. Aber die Große Fastenzeit beginnt gerade nicht mit Einschränkungen, sondern mit Vergebung.
Andernfalls kann sie nicht zur Rückkehr ins verlorene Paradies verhelfen. Bei den altchristlichen Asketen gab es den Brauch, vor der Großen Fastenzeit einander um Vergebung zu bitten, um den Kampf des Fastens ohne die Last des Grolls anzutreten. Dieser Brauch wurde von der gesamten Kirche übernommen. Und auch heute bitten wir einander um Vergebung und vergeben selbst.
Daher bitte auch ich euch:
Segnet mich, heilige Väter und Brüder und Schwestern, und vergebt mir Sünder, was ich an diesem Tag und an allen Tagen meines Lebens in Wort, Tat, Gedanke und mit allen meinen Sinnen gegen euch gesündigt habe.
Durch Seine Gnade möge Gott uns allen vergeben und sich unser erbarmen. Amen.