Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Im Herrn geliebte Brüder und Schwestern! Im Evangelium nach Markus spricht unser Herr Jesus Christus: „Wer mir nachkommen will, verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Mk 8,34)
Diese Worte klingen streng und sogar furchteinflößend. Christus sagt nicht: „Wer Hilfe empfangen will“ oder „wer Erleichterung im Leben wünscht“. Er sagt: „Wer mir nachkommen will, nehme sein Kreuz auf sich.“
Doch der Mensch erwartet von Gott gewöhnlich etwas ganz anderes. Wir hoffen, dass der Glaube Erleichterung im Leben bringt: von Leiden befreit, Probleme löst, Gesundheit und Wohlstand schenkt. Und deshalb erscheinen die Worte Christi über das Kreuz seltsam. Warum beginnt der Weg Ihm nach ausgerechnet mit dem Kreuz?
Viele stellen sich Gott als strengen Richter vor, der den Sündern zürnt und sie bestraft. Aber die frohe Botschaft des Evangeliums ist eine andere: Gott ist die Liebe, und Er sandte Seinen Sohn in die Welt, um die Sünder zu retten, nicht um sie zu bestrafen.
Diese Liebe Gottes offenbart sich durch die gesamte Heilsgeschichte. In den alttestamentlichen Büchern Genesis und Exodus, die in den Tagen der Großen Fastenzeit gelesen werden, sehen wir die Geschichte des Volkes Israel. Es ist eine Geschichte nicht nur der Wunder, sondern auch der beständigen Untreue. Die Menschen sahen die Macht Gottes in Ägypten und in der Wüste, dennoch murrten sie, forderten Götzenbilder, wandten sich von Gott ab. Der Prophet Ezechiel nennt die Geschichte Israels geradezu eine Geschichte der Untreue (vgl. Ez 16,14-26). Aber Gott verlässt Sein Volk nicht. Das ganze Alte Testament ist eine Geschichte der Treue Gottes trotz der Untreue der Menschen.
Dasselbe geschieht auch in unserer Zeit. Der Herr errettet nicht, weil wir gut fasten, nicht wegen der langen Gottesdienste und nicht, weil wir irgendwie richtiger wären als andere. Die Errettung beginnt nicht mit unseren Verdiensten, sondern mit der Liebe Gottes, die den Menschen ruft, im Glauben zu antworten und Christus nachzufolgen.
Und diese Seine Liebe offenbart sich endgültig am Kreuz.
Besonders deutlich wird dies in den Ereignissen der Karwoche. Dort werden alle Jünger den Heiland verlassen, Ihn verraten und auseinanderlaufen, und Er wird allein am Kreuz bleiben. Doch obwohl Ihn alle verlassen haben, bringt Er dieses größte Opfer. Er wird auferstehen, den Tod besiegen und selbst denen Leben schenken, die Ihn verlassen und verleugnet haben. Wie es der Apostel Paulus sagt: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Röm 5,8)
Und hier offenbart sich das Geheimnis der Worte Christi über das Kreuz. Der Herr ruft uns nicht einfach auf, das Kreuz auf uns zu nehmen – Er Selbst nimmt es zuerst auf Sich. Er fordert vom Menschen nichts, was Er Selbst nicht getan hat.
Doch solange wir von Gott nur Hilfe erwarten, nur Wunder, die Leiden und Schwierigkeiten aus unserem Leben beseitigen, Gesundheit und Wohlstand schenken würden, wird das Kreuz für uns das bleiben, was der Apostel Paulus „den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit“ nannte (1 Kor 1,23). Heute noch bleibt das Kreuz ein Ärgernis für die, die vom Glauben nur Hilfe für sich selbst erwarten, und eine Torheit für die, die für alles eine logische Erklärung fordern.
Am Kreuz beseitigt Christus den menschlichen Schmerz nicht durch ein Wunder und steigt nicht herab, um Seine Macht zu beweisen. Er bleibt am Kreuz, weil „niemand größere Liebe (hat) als die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde“ (Joh 15,13). Die Liebe Gottes geht bis zum Äußersten. Das Kreuz offenbart uns das Wichtigste: Gott bleibt nicht abseits vom menschlichen Leben, sondern Er tritt Selbst in es ein, nimmt dessen Schwere auf Sich und eröffnet dem Menschen dadurch den Weg zum ewigen Leben.
Deshalb wird in der Mitte der Großen Fastenzeit das Kreuz in die Mitte der Kirche getragen. Damit wir das größte, manchmal erschreckende, aber letztlich freudigste Geheimnis unseres orthodoxen Glaubens nicht aus den Augen verlieren. Das Kreuz, von dem Christus spricht, sind nicht nur große Leiden. Meistens besteht es aus Kleinem: aus Geduld, aus Treue, aus dem Kampf mit der eigenen Sünde, aus der Fähigkeit zu vergeben, wenn man verurteilen möchte, aus der Treue zu Gott, selbst wenn es schwer fällt.
Denn unser Glaube handelt nicht davon, dass Gott einfach unsere Probleme löst. Er handelt davon, auf Seine Liebe mit Liebe zu antworten und Ihm auf dem Weg nachzufolgen, den Er Selbst gegangen ist.
Möge ein jeder von uns heute die Worte des Herrn hören und den Weg fortsetzen. Wenn wir das Kreuz aufnehmen, das der Herr jedem von uns gibt, dann werden die Worte von der Auferstehung nicht eine bloße Erinnerung an ein vergangenes Ereignis sein. Dann wird die Auferstehung unsere Hoffnung und unser Leben werden.
Durch die Kraft des ehrwürdigen und lebenschaffenden Kreuzes möge der Herr uns alle erbarmen und retten. Amen.