Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!
Heute verbindet die Kirche zwei Ereignisse miteinander: das Gedenken an das Jüngste Gericht und das Fest der Darstellung des Herrn. Das eine handelt vom letzten Tag, an dem der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommen und „die Menschen voneinander scheiden wird, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet“ (Mt 25,32). Das andere handelt von einer stillen Begegnung im Tempel, als der gerechte Simeon das Christuskind in seine Arme nimmt. Doch in der Tiefe ist es ein und dasselbe Thema – die Begegnung des Menschen mit Gott.
Die Darstellung des Herrn – im Russischen Sretenije, im Griechischen Ἡ Ὑπαπαντὴ – bedeutet Begegnung. Der greise Simeon hatte auf den „Trost Israels“ gewartet – und durch den Heiligen Geist wurde ihm offenbart, wen er da in seinen Armen hielt. Schon Jahrhunderte zuvor hatte der Prophet Maleachi diesen Augenblick vorausverkündet: „Plötzlich wird zu Seinem Tempel kommen der Herr, den ihr sucht“ (Mal 3,1). Der gerechte Simeon vollendet die alttestamentliche Erwartung und eröffnet die Epoche des Neuen Bundes. Und sogleich erklingen die Worte, die bereits auf das Gericht verweisen: „Siehe, dieser ist bestimmt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel“ (Lk 2,34). Christus wird zum Maßstab: Die Haltung zu Ihm offenbart die Wahrheit über den Menschen.
Im Evangelium vom Jüngsten Gericht ist dieser Maßstab derselbe. „Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben“ (Mt 25,35). Doch hier entsteht auf den ersten Blick eine Spannung. Simeon erkannte Christus – und das wurde für ihn zum Frieden und zur Vollendung seines Lebens. Die Gerechten im Gleichnis aber fragen: „Herr, wann haben wir Dich (...) gesehen ...?“ Sie haben Ihn scheinbar nicht erkannt – und dennoch stehen sie zu Seiner Rechten.
Es zeigt sich: Der Mensch muss nicht für sich formulieren: ‚In diesem Armen ist Christus‘, aber wenn sein Herz von Barmherzigkeit bewegt wird, lebt es bereits in demselben Geist, den der Herr Selbst schenkt. Die Gerechten „erkannten“ Christus nicht mit dem Verstand und berechnend; sie taten das Gute nicht aus religiösen Beweggründen im Hinblick auf einen Lohn – aber ihr Herz war bereits bei Ihm. Jede Regung ihres Erbarmens, jedes Wort des Trostes wurde zur Begegnung mit Ihm, auch wenn sie sich ihrer Gerechtigkeit gar nicht bewusst waren.
Bei Simeon haben wir die offenkundige, von der Offenbarung verklärte Begegnung. Im Gleichnis vom Gericht haben wir die alltäglichen, fast unscheinbaren Begegnungen, in denen der Mensch entweder im Geist Christi lebt oder nicht. Und im Gericht offenbart sich die Wahrheit: Alles, was aus Liebe getan wurde, erwies sich als Ihm getan.
Deshalb erfolgt das Heil nicht aus intellektuellem „Erkennen“. Es genügt nicht, einfach anzuerkennen, dass „es einen Gott gibt“, denn es geht nicht um Findigkeit, sondern um die Verwandlung des Herzens. Simeon erkannte Ihn, weil er wartete und liebte. Die Gerechten dienten Ihm, weil sie liebten.
Der Apostel Paulus erinnert uns heute: „Speise aber wird uns vor Gott nicht bestehen lassen“ (1 Kor 8,8). Diese Worte erklingen an der Schwelle zur Großen Fastenzeit besonders nüchtern. Das Äußerliche an sich verbindet den Menschen nicht mit Christus. Enthaltung, Gebetsregel, Disziplin – all das hat nur dann einen Sinn, wenn das Herz fähig wird zur Begegnung mit Gott. Und der Apostel fährt fort: „Wenn aber Speise meinem Bruder Anstoß gibt, will ich für immer kein Fleisch essen.“ Und das ist keine Regel über Speise, sondern ein Hinweis auf die Verantwortung für den Nächsten.
Simeon spricht, nachdem er Christus begegnet ist: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht ... in Frieden scheiden“ (Lk 2,29). Die Begegnung mit dem Heiland schenkt Frieden und Vollendung des Lebens. Doch dieselben Worte über das Kind – „zum Fall und zum Aufstehen“ – mahnen uns: Die Begegnung kann auch zum Gericht werden.
Das Gericht ist keine kalte Untersuchung, sondern das Offenbarwerden dessen, wovon der Mensch gelebt hat. War sein Herz Christus wesensverwandt? War sein Leben erfüllt von Begegnungen mit Christus – offenkundigen, wie bei Simeon, oder stillen, wie in den Werken der Barmherzigkeit? Christus bleibt derselbe. Unterschiedlich ist nur unser Herz.
Wir stehen an der Schwelle zur Großen Fastenzeit und hören vom Jüngsten Tag nicht um uns zu ängstigen, sondern zur Nüchternheit. Jeder Tag bringt seine kleinen Begegnungen mit sich. Und wenn das Herz lernt, Barmherzigkeit zu üben, dann wird selbst die unscheinbare Hilfe am Nächsten bereits zur Begegnung – zur Darstellung des Herrn in unserem Leben.
Gebe uns der Herr ein waches und lebendiges Herz, damit die Begegnung mit Ihm für uns nicht zum Fall, sondern zum Aufstehen wird zum ewigen Leben. Amen.