Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn! Heute haben wir das Gleichnis gehört, das die Kirche das „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ nennt. Es ist so inhaltsreich, dass man es oft als „Evangelium im Evangelium“ bezeichnet – so verdichtet und tiefgründig wird darin die frohe Botschaft offenbart, die unser Herr Jesus Christus der Welt gebracht hat.
Dieses Gleichnis spricht Christus, nachdem Er das Murren der Schriftgelehrten und Pharisäer vernommen hat: „Dieser nimmt Sünder an und isst mit ihnen“ (Lk 15,2). Anstatt zu streiten, erschliesst Er ihnen und uns Gottes Barmherzigkeit – und zeigt, was Gott im Grunde vom Menschen erwartet.
Der Inhalt des Gleichnisses ist uns wohlbekannt. Der Vater darin ist Gott selbst, der seine Gaben unter den Söhnen teilt. Der jüngere Sohn empfängt seinen Erbteil, zieht fort und verschleudert alles in einem ausschweifenden Leben. In Armut geraten, kehrt er reumütig und mit zerknirschtem Herzen zurück. Und hier lenkt der Herr unsere Aufmerksamkeit auf ein wichtiges Detail: Der Vater sah den Sohn von weitem, lief ihm entgegen – er hatte also gewartet. Er macht keine Vorwürfe, verlangt keine Entschuldigungen, sondern umarmt ihn und freut sich. Es ist, wie es in einem bekannten Psalm heisst: „Ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen“ (Ps 50,19 LXX).
Die Rückkehr des jüngeren Sohnes ist nicht nur ein moralisches Vorbild. Es ist das Bild des Sakraments der Buße – wenn der Mensch sein Verfehlen erkennt, sich nicht rechtfertigt und nicht stehen bleibt, sondern den Entschluss fasst, sich von dem begangenen Übel abzuwenden, aufsteht und zum Vater zurückkehrt.
Die Kirche stellt uns dieses Gleichnis in einer besonderen Zeit vor Augen – in den Vorbereitungswochen auf die Grosse Fastenzeit. Wir verstehen das Fasten oft vor allem als eine Zeit äusserer Anstrengung, und unser Verstand konzentriert sich leicht darauf, was erlaubt und was verboten ist. Man könnte erwarten, dass die Evangelienlesungen uns vor allem in den Regeln unterweisen. Stattdessen aber gibt uns die Kirche Gleichnisse – Bilder, die weniger vorschreiben als vielmehr andeuten und behutsam den Zustand des Herzens offenbaren.
Die Erfüllung der Gebote ist das feste Fundament, auf dem das geistliche Leben aufbaut. Ohne dieses Fundament schwankt die Seele im Wind der Leidenschaften und eigenen Launen. Die Gebote bewahren uns vor dem Fall, aber an sich machen sie das Herz noch nicht zu dem eines Gotteskindes. Man kann nahe beim Vater sein – und seine Freude doch nicht teilen.
Denn in dem Gleichnis vom verlorenen Sohn sehen wir nicht nur das Bild des reuigen Sünders, sondern auch das Bild des älteren Bruders, der immer beim Vater war, nicht fortging und treu diente. Und dennoch kann er sich nicht über die Rückkehr des Bruders freuen. Er erinnert sich an dessen Sünden, sieht das Geschehen als Ungerechtigkeit – nach menschlichem Massstab. Obwohl er beim Vater blieb, scheint er dessen Liebe nicht mehr zu spüren. Und der Vater erinnert ihn: „Mein Kind, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein.“ – nicht als Vorwurf, sondern als Erinnerung daran, dass Kindschaft nicht mit Verdiensten gemessen wird.
Daher stellen die Gleichnisse, die wir an diesen Sonntagen hören, oft unsere gewohnten Vorstellungen von Gerechtigkeit und „Korrektheit“ auf den Kopf. Im Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer wird nicht der gerechtfertigt, der seine guten Werke aufzählt. Im Gleichnis vom Weltgericht, das am nächsten Sonntag gelesen wird, spricht der Herr nicht über Gesetzesübertretungen, sondern über den unerkannten Christus im Antlitz der Leidenden und über fehlende Barmherzigkeit als Grund für das Gericht.
Manchmal gleichen wir dem jüngeren Sohn, wenn wir unbedacht die Gaben Gottes – Kräfte, Zeit, Leben – verschwenden. Und manchmal dem älteren, wenn die Gewohnheit des kirchlichen Lebens und äussere Korrektheit das Herz unfähig zur Barmherzigkeit und zur Freude für den Nächsten machen.
Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn trägt nicht nur großen Trost in sich, sondern offenbart uns, worin dieser besteht. Auf welchem Weg wir auch gegangen sind: Sobald wir uns nur mit zerknirschtem Herzen dem Vater zuwenden, kommt Er uns entgegen. Er wartet nicht, bis wir die Schuld gesühnt haben. Er verlangt keine Beweise der Reue. Er erwartet nicht Erklärungen, sondern das eine Wort des Sohnes: „Vater, ich habe gegen den Himmel und vor dir gesündigt.“ Und dann, nach dem Wort des heiligen Johannes Chrysostomus1, empfängt der Vater nicht einen Knecht zum Gericht, sondern einen Sohn zum Erbe. Amen.
-
Homilie zum Evangelium nach Lukas, Homilie 46. ↩