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Predigt zum Sonntag des Blindgeborenen (2026)

Apg 16:16-34; Joh 9:1-38

Roman Bannack, Priester | Zugriffe: 26
Predigt zum Sonntag des Blindgeborenen (2026)

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Christus ist auferstanden!

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn, mit der heutigen Evangeliumslesung vom Blindgeborenen schließt sich die Reihe der sonntäglichen Lesungen aus dem Johannesevangelium ab, die uns die Kirche in den Ostertagen anbietet. In fast all diesen Lesungen wird das Wasser zum Bild der lebenspendenden Gnade: beim Gelähmten am Teich Betesda, der Samariterin am Jakobsbrunnen – und nun beim Blindgeborenen am Teich Siloam. Jeder von ihnen begegnet Christus – doch diese Begegnung verläuft unterschiedlich.

Der Gelähmte lag achtunddreißig Jahre lang am Teich. Der Herr heilte ihn – aber mit einem gewissen Vorbehalt: „Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, damit dir nicht Schlimmeres zustößt“ (Joh 5,14). Hinter seinem Leiden stand also seine eigene Vergangenheit. Die Samariterin lebte in offenkundiger Sünde – fünf Männer – und hatte dennoch keine sichtbare Strafe zu erdulden. Und ausgerechnet ihr offenbart sich der Herr Jesus als der Messias.

Heute aber steht der Blindgeborene vor uns – ein Mensch, der leidet, aber keineswegs für eigene Sünden. Die Jünger fragen: „Wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern?“ Sie meinen, dass Leiden unbedingt Strafe sein müsse. Doch der Herr antwortet unerwartet: „Weder dieser hat gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden“ (Joh 9,3).

Das ist die Frage, die viele verwirrt: Warum leidet einer für seine Sünde, ein anderer leidet nicht, obwohl er sündigt, und ein dritter leidet völlig unschuldig? Nach menschlichem Ermessen könnte man hier leicht Ungerechtigkeit sehen. Aber Christus eröffnet einen anderen Blick: Gott führt jeden auf seinem eigenen Weg – und jedem gibt er die Möglichkeit, Ihm zu begegnen.

Deshalb sind auch die Schicksale dieser Menschen aus dem Evangelium so verschieden. Der Gelähmte, den der Herr nach achtunddreißig Jahren aufgerichtet hat, verrät seinen Heiler an die Juden (vgl. Joh 5,15–16). Die Samariterin dagegen wird unter ihren Leuten Seine erste Zeugin. Der Blindgeborene aber – der weder wusste, wer Christus ist, noch nicht einmal, wie Er aussieht – durchläuft den erstaunlichsten Weg und erweist sich am Ende als geistlich sehender als alle um ihn herum.

Die Pharisäer verhören ihn immer wieder. Seine Eltern, die wissen, dass das Bekenntnis zu Christus den Ausschluss aus der Synagoge zur Folge haben kann, weichen aus: „Er ist mündig, fragt ihn selbst“ (Joh 9,23). Also wusste auch der Sohn, worauf es hinauslaufen könnte. Dennoch schweigt er vor den Pharisäern nicht. Er denkt laut nach, pariert sie, treibt ihre Logik in die Sackgasse: „Das ist doch verwunderlich, dass ihr nicht wisst, woher Er ist, und Er hat mir die Augen aufgetan … Wenn dieser nicht von Gott wäre, könnte Er nichts tun“ (Joh 9,30.33). Ein einfacher Bettler erweist sich fähig zu sehen, was die Schriftgelehrten nicht sehen wollen.

Genau das meinte der Herr, als er zum Laubhüttenfest verhieß, dass von dem, der an ihn glaubt, „Ströme von lebendigem Wasser fließen werden“ (Joh 7,38). Ein Mensch, der vor kurzem noch nichts von Christus wusste, wird selbst zur Quelle des Zeugnisses für Ihn.

Und Christus – nicht zufällig – sucht ihn auf, nachdem er aus der Synagoge ausgestoßen wurde. „Glaubst du an den Menschensohn?“„Wer ist Der, Herr, damit ich an Ihn glaube?“„Du hast Ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist es.“ Und jener antwortet: „Herr, ich glaube!“ und betete Ihn an. Genau hier vollzieht sich das eigentliche Wunder dieser Erzählung. Ein Mensch, der schon leiblich geheilt ist, wird durch die Begegnung mit Christus geistlich sehend. Darum fürchtete er sich auch nicht, die Wahrheit zu bekennen, obwohl er wusste, dass dies für ihn negative Konsequenzen haben konnte. Er verstand noch nicht die ganze Tiefe des Geschehens, aber er war bereits fähig, der Wahrheit treu zu bleiben.

So endet das heutige Evangelium: Ein blind Geborener gelangt nicht nur zum Augenlicht, sondern zum Glauben und zur Anbetung Christi.

Und das sagt uns etwas Wichtiges: Geistliches Sehen kommt nicht von Gelehrsamkeit oder von der Befolgung von Regeln. Es kommt von der Begegnung mit Christus und von der Bereitschaft, Ihn zu bekennen – öffentlich, in konkreten Umständen, selbst wenn es Mut erfordert.

Bitten wir also den auferstandenen Herrn, dass Er auch uns die geistlichen Augen öffne und uns dieselbe schlichte Treue schenke: „Herr, ich glaube“ – nicht als Formel, sondern als bewusste Entscheidung. Amen.

Christus ist auferstanden!

Geschrieben von Roman Bannack, Priester