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Predigt zum 15. Sonntag nach Pfingsten (2026) über das größte Gebot

2 Kor. 4,6-15. Matth. 22,35-46

Roman Bannack, Priester | Zugriffe: 25
Predigt zum 15. Sonntag nach Pfingsten (2026) über das größte Gebot

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Heute fragt im Evangelium einer der Gesetzeslehrer Christus: „Meister, welches ist das größte Gebot im Gesetz?“ (Mt 22,36). Diese Frage lässt sich auch in unsere Sprache übersetzen. Wie viele Verbeugungen muss man machen? Wo und wem soll man eine Kerze aufstellen? Welche Fastenzeit ist die wichtigste?

Der Herr wählt nicht einen Punkt aus einer langen Liste. Er sagt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinem Denken“ (Mt 22,37). Und dann fügt Er hinzu: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Und Er sagt: „An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Mt 22,39-40).

Es gibt viele Gebote, aber der Wille Gottes ist nicht zersplittert. Er hat ein Zentrum – die Liebe.

Aber was ist Liebe? Dieses Wort ist so gewohnt, dass es fast seinen konkreten Inhalt verliert. Christus spricht hier nicht einfach von einem Gefühl, sondern von einem Zustand des Herzens: Die Liebe verändert die Art, wie ein Mensch auf Gott, auf den anderen Menschen, auf die ganze Welt schaut. Deshalb sagen auch gerechte Werke für sich genommen noch nichts über den Zustand des Herzens aus. Man kann beten, fasten, in die Kirche kommen – und dies nur tun, weil „es sich so gehört“: Das Gebot ist formal erfüllt, doch das Herz bleibt wie zuvor. Wenn aber ein Mensch wirklich liebt, wird die Erfüllung des Gebots anders erlebt: Sie hört auf, eine schwere Pflicht zu sein, und wird zu einem inneren Bedürfnis, zu einem Teil des Lebens selbst.

Christus verbindet sogleich die Liebe zu Gott mit der Liebe zum Nächsten, indem Er das zweite Gebot dem ersten gleich nennt. Denn beide Gebote wenden sich an ein und dasselbe Herz.

Der heilige Isaak der Syrer beschreibt, als er vom barmherzigen [liebenden] Herzen spricht, einen Menschen, dessen Herz von Liebe zur ganzen Schöpfung entflammt wird. Er kann das Leiden eines jeglichen anderen Wesens nicht ruhig ansehen1. Eine solche Liebe gleicht nicht mehr einer einzelnen guten Tat. Sie ist ein Zustand des Herzens, für den der Schmerz des anderen zum eigenen wird.

Und hier stellt sich die Frage: Woher soll ein Mensch ein solches Herz nehmen? Die Antwort ist in Christus.

Nach den Worten über die zwei Gebote fragt Christus plötzlich die Pharisäer: „Was denkt ihr über den Christus? Wessen Sohn ist er?“ (Mt 22,42). Eben noch sprach der Herr über die Liebe zu Gott – und sogleich zeigt Er, wer der ist, den zu lieben wir gehalten sind: Er nennt Sich Selbst den Sohn Davids, doch David selbst nennt Ihn seinen Herrn. Darin liegt das Wesen des Lebens eines Gläubigen: mit Christus zu leben, in dem wir jene Liebe erkennen, die als Herzstück der Gebote bezeichnet wird.

Wir wissen, dass Gott Liebe ist, weil in Christus die Liebe Gottes offenbar geworden und in das menschliche Leben eingetreten ist: Christus nimmt den Menschen an, vergibt, heilt, dient, gibt Sich Selbst hin und betet am Kreuz für Seine Peiniger.

Darum sind die Worte über die Liebe für uns zugleich Gebot und Offenbarung dessen, was ein Mensch werden kann, der in Gott lebt.

In der heutigen Lesung aus dem Epistel erinnert der Apostel Paulus daran, dass wir, sterbliche und schwache Menschen, das Leben Christi in uns tragen können: „… damit auch das Leben Jesu an unserem sterblichen Fleisch offenbar werde“ (2 Kor 4,11).

Darum sollten wir, wenn wir heute vom Gebot der Liebe hören, nicht versuchen, in uns irgendein besonderes Gefühl hervorzurufen. Wichtiger ist es, ehrlich den Zustand des eigenen Herzens zu sehen: ob in ihm Raum für Gott und für den anderen Menschen ist, ob wir fähig sind, den Schmerz des Nächsten zu teilen, eine Kränkung zu vergeben. Und wenn diese Liebe in uns gering ist, ist das kein Grund zur Verzweiflung: Christus lässt den Menschen nicht allein mit seiner Schwachheit. Wir kommen zu Ihm mit dem Herzen, das wir haben – müde, gereizt, unfähig zu vergeben –, mit Gebet und Buße, und wünschen, wenigstens das Gute zu tun, das wir heute tun können.

So wird das Herz allmählich fähig zu lieben.

Letztlich beginnt das christliche Leben nicht mit der Frage: „Welche Regeln muss ich noch erfüllen?“ Es beginnt mit einer anderen: „Wen liebe ich und wem folge ich nach?“

Und die Antwort auf diese Frage hören wir heute im Evangelium: Christus ist der Herr. In Ihm offenbart sich die Liebe Gottes, und auf Ihn ist unser Herz gerichtet.

Amen.


  1. Hl. Isaak der Syrer von Ninive, Asketische Reden (48) 

Geschrieben von Roman Bannack, Priester