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Predigt zum Gedächtnis aller russischen Heiligen (2026)

Röm. 2:10-16, Matth. 4:18-23, Hebr. 11:33-12:2, Matth. 4:25-5:2.

Roman Bannack, Priester | Zugriffe: 21
Predigt zum Gedächtnis aller russischen Heiligen (2026)

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn! Am vergangenen Sonntag feierten wir das Gedächtnis aller Heiligen, die von Ewigkeit her Gott gefallen haben. Heute aber ehrt jede Ortskirche das Gedächtnis ihrer eigenen Heiligen.

Der Apostel Paulus sagt: „Herrlichkeit aber und Ehre und Friede jedem, der das Gute wirkt“ (Röm 2,10). Die Kirche ehrt die Heiligen aller Völker und aller Zeiten. Doch wie die Liebe zur ganzen Menschheit mit der Liebe zu den Nächsten beginnt, so führt auch das Gedächtnis aller Heiligen uns zum Gedächtnis jener Gottgefälligen, durch welche der christliche Glaube zu unseren Vorfahren kam – sie sprachen unsere Sprache, beteten unsere Gebete, lebten in uns vertrauten Gegenden.

Heute hörten wir die Worte des Apostels Paulus über die Heiligen: „Und diese alle, die durch den Glauben ein Zeugnis erhalten haben, haben die Verheißung nicht empfangen“ (Hebr 11,39).

Auf den ersten Blick sind diese Worte seltsam. Denn wenn jemand das Ziel des christlichen Lebens erreicht hat, dann sind es doch die Heiligen. Ihr Gedächtnis verherrlicht die Kirche, sie verweilen mit Christus. Warum also sagt der Apostel, dass sie das Verheißene nicht empfangen haben?

Der Apostel zeigt: Viele alttestamentliche Gerechte haben die Erfüllung dessen, worauf sie hofften, tatsächlich nicht gesehen. Abraham empfing eine große Verheißung von Gott, starb aber als Fremdling in einem fremden Land. Mose führte das Volk vierzig Jahre lang zum Gelobten Land, betrat es aber selbst nicht. Die Propheten verkündeten das Heil, sahen aber die Erfüllung ihrer eigenen Prophezeiungen nicht.

Eine ähnliche Erfahrung macht jeder Gläubige. Wie oft beten wir um Genesung eines lieben Menschen – doch die Krankheit nimmt ihren Lauf. Baten um Frieden in der Familie – doch der Friede stellte sich nicht ein. Flehten um Hilfe – aber die Umstände änderten sich nicht, oder nicht so, wie wir erwartet haben. Manchmal tragen wir jahrelang dieselbe Bitte in uns, und es scheint, als höre Gott nicht.

Bleibt der Mensch, der sich an Gott wendet, denn mit leeren Händen zurück? – Doch der Apostel sagt nicht, dass Gott seine Heiligen getäuscht hätte. Im Gegenteil: Sie empfingen unvergleichlich mehr, als sie hoffen konnten.

Ihnen wurde offenbart, dass die wichtigste Verheißung Gottes nicht die Erfüllung der einen oder anderen Bitte ist, sei sie noch so gut und gerecht. Die größte Gabe ist der Herr selbst.

Abraham suchte ein Land – und fand Den, der mit ihm zog und sein Freund wurde. Mose führte das Volk zum Gelobten Land – und trat selbst in eine Gemeinschaft mit Gott, dass er mit Ihm von Angesicht zu Angesicht redete. Die Propheten erwarteten das zukünftige Heil der Welt – und wurden Teilhaber am Plan dieses Heiles selbst.

Und das heutige Evangelium spricht nicht davon, was die Apostel empfingen, sondern von Dem, dem sie nachfolgten.

Der Herr geht am Ufer des Galiläischen Meeres entlang und spricht zu zwei einfachen Fischern: „Folgt mir nach!“ Er beschreibt ihnen nicht die Zukunft. Er ruft sie einfach, Ihm nachzufolgen. Und sie lassen ihre Netze zurück.

Die zukünftigen Apostel Petrus und Andreas wissen noch nicht, dass ihnen Mühen, Predigt, Verfolgung und Märtyrertod bevorstehen. Aber sie sind bereits Dem begegnet, um dessentwillen es sich lohnt, alles zurückzulassen.

Unter den Heiligen, deren Gedächtnis wir heute begehen, waren Fürsten und Bauern, Mönche und Krieger, Bischöfe und Neumärtyrer – Menschen wie wir, mit Sorgen, Krankheiten und Problemen. Kaum einer von ihnen dachte wohl, dass er ein Heiliger werden würde. Ein jeder von ihnen begegnete Christus, hörte Seinen Ruf – denselben, den einst die Apostel am Ufer des Galiläischen Meeres hörten. Und jeder antwortete auf seine Weise.

Für uns ist die Hauptfrage nicht, ob wir unsere Heiligen bewundern, sondern ob wir denselben Ruf hören, den alle von ihnen hörten.

Die Kirche wird nicht nur in antiken Zeiten durch Heilige bereichert. Der Herr sammelt auch heute Seine Jünger, ruft Menschen, Ihm nachzufolgen. Und Er tut weiterhin das, wozu Gott nach dem Wort des Apostels „für uns etwas Besseres vorgesehen hat, dass sie nicht ohne uns zur Vollendung gelangen sollten“ (Hebr 11,40).

Die Geschichte der Heiligkeit ist nicht zu Ende. Der Herr ruft auch heute Menschen, Ihm nachzufolgen, so wie Er einst Petrus, Andreas und alle Heiligen, die im Lande Russland erstrahlt sind, gerufen hat. Das Gedächtnis der Heiligen wendet sich auch an uns. Denn derselbe Christus, der sie rief, ruft auch uns.

Amen.

Geschrieben von Roman Bannack, Priester