Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Heute feiert die Kirche das Gedächtnis der zwei größten Apostel – Petrus und Paulus. Dabei eröffnet uns die Heilige Schrift, wie unterschiedlich diese beiden Menschen waren. Daher erhebt sich die Frage: Warum feiert die Kirche ihr Gedächtnis gemeinsam?
Petrus war ein einfacher galiläischer Fischer, einer der ersten Jünger des Erlösers, der Ihm fast von Anfang Seines irdischen Wirkens an nachfolgte. Paulus dagegen war ein gebildeter Pharisäer, der das Gesetz des Mose vorzüglich kannte und lange Zeit sogar die Kirche Christi verfolgte. Petrus wurde vornehmlich zu den Juden gesandt, Paulus wurde zum Apostel der Heiden. Der eine hörte die Predigt Christi mit eigenen Ohren, der andere begegnete Ihm erst nach der Auferstehung auf dem Weg nach Damaskus.
Es scheint, dass zwischen solchen Menschen Rivalität und Spaltung unvermeidlich sind. Zumal dieser Unterschied einmal tatsächlich zum Grund einer ernsthaften Meinungsverschiedenheit wurde. Im Brief an die Galater schreibt der Apostel Paulus offen: „Als aber Kephas nach Antiochia kam, widerstand ich ihm von Angesicht zu Angesicht, weil er sich der Verurteilung ausgesetzt hatte“ (Gal 2,11). Er überführt den Apostel Petrus der Heuchelei.
Nur wenige sind imstande, eine solche Zurechtweisung gelassen hinzunehmen, zumal vor der ganzen Gemeinde. Doch eben hier offenbart sich die geistliche Höhe der beiden Apostel. Schon im Buch der Sprüche heißt es: „Straf den Weisen, so wird er dich lieben; … gib dem Weisen, so wird er noch weiser“ (Spr 9,8–9). Der Apostel Petrus erweist sich als eben solch ein weiser Mensch. Er nimmt die Zurechtweisung an, statt sie in eine Spaltung zu führen. Er beginnt nicht etwa, um seinen Vorrang zu kämpfen, er stellt sich deswegen nicht gegen Paulus.
Aber auch der Apostel Paulus trachtet nicht danach, sich über Petrus zu erheben. Selbst als er von diesem Vorfall berichtet, nennt er ihn weiterhin Kephas – mit dem Namen, den ihm der Herr Selbst gegeben hat. Paulus streitet mit der Handlung des Petrus, aber er stellt niemals dessen apostolische Würde in Frage.
Und Jahre später schreibt der Apostel Petrus selbst in seinem Brief: „Unser geliebter Bruder Paulus hat euch gemäß der ihm gegebenen Weisheit geschrieben“ (2 Petr 3,15). Er nennt einen Menschen seinen geliebten Bruder, der ihn einst öffentlich zurechtgewiesen hatte.
Darin liegt das Wunder des heutigen Festes: Die Kirche verherrlicht sie gemeinsam. Ihre Einheit erwies sich als stärker als alle Unterschiede, weil beide nicht sich selbst dienten, sondern ein und demselben Herrn Jesus Christus.
Das heutige Festtagsevangelium hilft zu verstehen, worin die Quelle dieser Einheit liegt. Der Herr spricht zu Petrus: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“ (Mt 16,18). Die heiligen Väter erklären, dass dieser Felsen in erster Linie der feste Glaube ist, den der Apostel soeben bekannt hat: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,16). Eben dieser Glaube wird zur Grundlage der Kirche, nicht etwa die menschlichen Vorzüge, die Herkunft oder Stellung.
Und die heutige sonntägliche Apostellesung scheint diesen Gedanken fortzusetzen. Der Apostel Paulus sagt, dass jedem verschiedene Gnadengaben gegeben werden – dem einen Prophetie, dem anderen Dienst, einem dritten Lehre, einem vierten Barmherzigkeit. An anderer Stelle fragt er direkt: „Sind alle Apostel? Sind alle Propheten? Sind alle Lehrer?“ (1 Kor 12,29) Gewiss nicht. Aber alle sind berufen, ein und demselben Leib Christi zu dienen.
So war es bei den heiligen Apostelkoryphäen Petrus und Paulus. So bleibt es auch in der Kirche heute. Der Herr macht nicht alle gleich. Einem jeden gibt Er seine eigenen Gaben, seinen eigenen Lebensweg, seinen eigenen Dienst.
Daher entspringt die Einheit der Kirche nicht aus der Gleichartigkeit. Sie besteht darin, dass ein jeder, während er er selbst bleibt, gemeinsam mit dem Apostel Petrus bekennt: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,16), und gleich dem Apostel Paulus sein Leben dem Dienst an diesem Bekenntnis weiht.
Wir wollen diese Einheit wertschätzen. Lassen wir uns nicht davon irritieren, dass der Herr die Menschen auf verschiedenen Wegen führt und ihnen verschiedene Gaben verleiht. Wenn Christus Selbst in ein und derselben Kirche so ungleiche Apostel wie Petrus und Paulus vereinen konnte, dann ruft Er auch uns auf, die Einheit des Glaubens zu bewahren, Ihm treu zu bleiben und dem Dienst, der einem jeden von uns anvertraut ist.
Durch die Fürbitte der heiligen Apostelkoryphäen Petrus und Paulus möge der Herr uns alle in dieser Einheit stärken. Amen.