Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Die heutige Evangeliumslesung berichtet von der Heilung zweier Besessener im Land der Gadarener (Matthäus 8,28–9,1). Gewöhnlich richtet man beim Lesen dieses Abschnittes seine Aufmerksamkeit zuerst auf das Wunder der Austreibung der Dämonen. Doch bevor dieses Wunder geschah, geschah etwas nicht weniger Erstaunliches: Christus Selbst kommt dorthin, wohin ein frommer Jude jener Zeit es vorgezogen hätte, überhaupt nicht zu gehen.
Dies ist bereits heidnisches Umfeld. Hier züchtet man Schweine, die bei den Juden als unrein galten. Hier wohnen Besessene in den Gräbern. Alles ringsum spricht von einer Welt, die tief von der Sünde durchdrungen und fern von Gott ist. Aber genau hierher kommt Christus.
Viele Jahrhunderte zuvor hatte der Prophet Jesaja wunderbare Worte Gottes überliefert: „Ich ließ mich finden von denen, die nicht nach mir fragten; ich ließ mich finden von denen, die mich nicht suchten. Ich sprach: Hier bin ich, hier bin ich! zu einem Volk, das meinen Namen nicht anrief ... das in den Gräbern sitzt ... und Schweinefleisch isst und Gräuelbrühe in seinen Gefäßen“ (Jes 65,1–4). Man kann kaum übersehen, wie sehr diese Worte an das heutige Evangelium erinnern. Gräber, eine Schweineherde, Heiden – all das war bereits vom Propheten vorausgeschaut worden. Doch das Wichtigste ist: Gott Selbst wendet Sich an jene, die Ihn nicht gesucht haben.
Israel hörte als Erstes diese Zuwendung Gottes und empfing die kostbare Gabe der Offenbarung. Doch diese Gabe war niemals nur für ein einziges Volk bestimmt. Schon Abraham wurde verheißen: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde“ (Gen 12,3). Daher ist es kein Zufall, dass Christus ins Land der Heiden geht, sondern die Erfüllung des göttlichen Heilsplans. Christus Selbst überschreitet die Grenze, die im Bewusstsein vieler als unüberwindbar galt. Die Liebe Gottes überwindet jene Trennungen, die die Menschen selbst schaffen.
So offenbart sich eine der wichtigsten Wahrheiten der ganzen biblischen Geschichte: Alles beginnt nicht mit der Suche des Menschen nach Gott, sondern mit der Suche Gottes nach dem Menschen.
So war es bereits im Paradies. Nach dem Sündenfall sucht nicht Adam Gott, sondern Gott ruft: „Adam, wo bist du?“ Dann bei Abraham, den der Herr Selbst aus seinem Heimatland herausrief. Danach bei Mose am brennenden Dornbusch. Ebenso rief der Herr die Apostel mit den Worten: „Folge mir nach!“ Und heute kommt Er selbst in das heidnische Land, wo Ihn niemand erwartete.
Christus kommt genau dorthin, wo Leiden, geistliche Knechtschaft und Verzweiflung herrschen. Er kommt nicht, weil die Menschen Seinen Besuch verdient hätten, sondern weil es Seine Liebe so will.
Beachten wir auch etwas anderes. Die Heilung empfangen jene, die alle längst für verloren hielten. Die Bewohner der Stadt aber baten Christus, nachdem sie die Macht Gottes gesehen hatten, sich von ihnen zu entfernen. Ihre gewohnte Welt war erschüttert. Die Gegenwart Gottes hätte eine Änderung ihres ganzen Lebens erfordert, und das erschien ihnen furchtbarer als mit Besessenen zusammenzuleben. Und selbst heute zieht die Welt es meist vor, dass Christus Sich nicht allzu sehr in ihre gewohnte Lebensordnung einmischt.
Doch die heutige Evangeliumsgeschichte warnt auch uns vor einer anderen Gefahr. Manchmal begreifen wir die Kirche vor allem als einen Ort, der die „Eigenen“ von den „Fremden“ trennen und eine sichere Distanz zur umgebenden Welt wahren soll. Aber Christus handelt anders. Er selbst überschreitet die Grenzen, die Menschen voneinander trennen, und geht jenen entgegen, die noch fern sind. Wenn der Herr den Menschen sucht, noch bevor der Mensch beginnt, Ihn zu suchen, dann sollten auch wir uns vor einer Haltung hüten, bei der Grenzen höher werden als unsere Liebe.
Der Apostel Paulus sagt im heutigen Epistel: „Mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit, und mit dem Munde bekennt man zur Rettung“ (Röm 10,10). Der Glaube wird nicht aus der äußeren Zugehörigkeit zum auserwählten Volk oder auch nur zur Kirche geboren, sondern aus der lebendigen Begegnung mit Christus.
Dies gilt es besonders zu bedenken, wenn wir für jene beten, die Christus ferne sind. Manchmal scheint es uns, dass jemand Gott überhaupt nicht sucht. Aber das heutige Evangelium erinnert uns daran: Der Erste, der sucht, ist stets der Herr Selbst. Er kommt zum Menschen sogar dorthin, wo wir keine Hoffnung mehr sehen. Er hört nicht auf, seine Hände auszustrecken, wie Er durch den Propheten Jesaja sprach, und wartet geduldig auf eine Antwort.
Lasst uns Gott dafür danken, dass auch unsere Begegnung mit Ihm nicht mit unseren Verdiensten und nicht mit unserer Suche begann, sondern mit Seiner Barmherzigkeit. Und wir wollen Ihn bitten, dass wir, wenn Er wieder vor die Türen unseres Herzens tritt, nicht den Einwohnern des Landes der Gadarener gleichen, die Ihn weggehen hießen, sondern Ihn mit Glauben aufnehmen. Möge Er auch unser Leben durch Seine Gnade verwandeln. Amen.