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Predigt zum 23. Sonntag nach Pfingsten (2026) über den reichen Mann und den armen Lazarus

Gal. 6:11-18; Lk. 8:5-15

Roman Bannack, Priester | Zugriffe: 21 |
Predigt zum 23. Sonntag nach Pfingsten (2026) über den reichen Mann und den armen Lazarus

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Gestern, am Seelensamstag, haben wir für die Verstorbenen gebetet, und heute gedenkt die Kirche des heiligen Großmärtyrers Demetrios von Thessalonike. Das Gebet von gestern steht dem heutigen Evangelium nahe.

Das Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus liest sich leicht als Warnung: Hier das Tor, das sich nicht geöffnet hat, dort die Kluft, die sich nicht mehr überschreiten lässt. Doch der Herr erzählt es den Lebenden: den Pharisäern, die, wie der Evangelist sagt, das Geld liebten, und den fünf Brüdern des Reichen, die die Warnung erst noch hören sollen. Es wird erzählt, damit wir begreifen: Solange wir leben, öffnet sich das Tor noch.

Beachten wir: In diesem Gleichnis wird nur der Arme mit Namen genannt. Der Reiche bleibt namenlos, ruft aber nach dem Tod selbst den Namen des Lazarus: „Sende Lazarus“, bittet er Abraham. Und doch hat er zu Lebzeiten den Mann, der unmittelbar vor seinem Tor lag, nie angesprochen.

Damals trennte die beiden nur ein Tor. Dem Reichen hätte es genügt, aus dem Haus zu treten: ein Stück Brot zu reichen, den Armen speisen zu lassen, ein wenig Anteilnahme zu zeigen. Nach dem Tod trennt sie bereits eine Kluft, von der es heißt, sie bestehe, „damit die, die von hier zu euch hinübergehen wollen, es nicht können“.

Es gibt noch eine weitere Einzelheit. Lazarus hatte sich einst nach den Brosamen vom Tisch des Reichen gesehnt, jetzt bittet der Reiche um einen Tropfen Wasser. Und wieder bittet er darum, Lazarus zu senden: zuerst, um ihm den Durst zu stillen, dann, um die Brüder zu warnen. Seine Lage hat sich verändert, doch in seinen Bitten bleibt Lazarus der, den man mit einem Auftrag schicken kann. Auch jetzt wendet sich der Reiche nicht an ihn selbst. Dabei ist er kein Gottloser: Er nennt Abraham Vater, und dieser nennt ihn Kind. Die Verwandtschaft besteht fort, doch für sich allein hat sie dem Reichen die Barmherzigkeit nicht ersetzt.

So spricht das Gleichnis von der Ewigkeit, ohne sie zu beschreiben. Der Tod löscht das Gelebte nicht aus. In die Ewigkeit tritt der Mensch mit allem, was zum Inhalt seines Herzens geworden ist.

Abraham antwortet, die Brüder hätten Mose und die Propheten; auf diese sollten sie hören. Und Mose hat geboten: „Du sollst deine Hand weit öffnen für deinen Bruder“ (Dtn 15,11). Auf die Bitte, einen von den Toten zu ihnen zu senden, sagt Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, würden sie auch einem von den Toten Auferstandenen nicht glauben. Wir wissen: Von den Toten ist Christus auferstanden. Das Wort des Mose ist dadurch nicht aufgehoben, es ist dasselbe, das die Brüder des Reichen hörten. Doch die Auferstehung gibt die Kraft, es zu erfüllen. Das Tor öffnet sich noch.

Der Apostel Paulus erinnert uns daran, dass Gott „reich ist an Barmherzigkeit“ und dass wir aus Gnade gerettet sind, durch Glauben, und das ist Gottes Gabe. Und gleich darauf sagt er: „Wir sind sein Werk, in Christus Jesus geschaffen zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, damit wir sie tun“ (Eph 2,10). Gute Werke erkaufen uns die Rettung nicht; sie gehören zu dem Leben, in das uns die Gnade einführt. Vor dem Tor des Reichen lag ein Mensch, dem er Barmherzigkeit erweisen konnte. Die Jahre des kirchlichen Lebens, des Gebets und der Mühen sollen in uns zu lebendiger Barmherzigkeit werden, die sich im ganz gewöhnlichen Alltag zeigt.

Dieses Gleichnis birgt auch einen Trost. Wie schmerzlich ist die Erinnerung an Verstorbene, denen gegenüber unausgesprochene Worte, unterlassene Hilfe, uneingelöste Versprechen geblieben sind! Nach dem Tod eines Menschen können wir sein irdisches Leben nicht mehr ändern, und die Kluft zu überschreiten ist uns nicht gegeben. Doch die Kirche hört nicht auf, für die Verstorbenen zu beten: Sie gedenkt ihrer in den Gebeten für die Entschlafenen im Gottesdienst, gibt Almosen und tut Werke der Liebe zu ihrem Gedenken. Wie dieses Gebet wirkt, wissen wir nicht, und wir maßen uns nicht an zu entscheiden, wem keine Hoffnung mehr bleibt. Wir vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit. Was wir den Verstorbenen nicht mehr sagen konnten, dürfen wir im Gebet vor Gott bringen und sie in Liebe dem anvertrauen, der auch in der Unterwelt nahe ist: „Bette ich mich in der Unterwelt, siehe, du bist da“ (Ps 139,8).

Der Reiche bat um einen Tropfen Wasser und bekam ihn nicht. Uns aber sagt der Herr, dass selbst ein Becher kalten Wassers, in seinem Namen gereicht, nicht ohne Lohn bleibt. Barmherzigkeit beginnt im Kleinen: ein Anruf, den wir schon lange vor uns herschieben; ein Wort, das längst gesagt werden müsste; ein Mensch vor unserem Tor, den man endlich beim Namen ansprechen sollte. Das Tor öffnet sich noch. Und das ist ein Grund, Gott zu danken für jeden Tag, an dem wir unserem Nächsten noch entgegengehen können. Amen.

Geschrieben von Roman Bannack, Priester