Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn! Im heutigen Evangelium tritt unser Herr Jesus Christus an den Trauerzug in der Stadt Nain heran, berührt die Bahre und spricht zu dem verstorbenen Jüngling: „Jüngling, ich sage dir, stehe auf!“ (Lk 7,14). Der Tote richtet sich auf und beginnt zu reden.
Wer ist der, dessen Wort der Verstorbene hört und vor dem der Tod weicht?
Das Volk von Nain gibt auf seine Weise Antwort auf diese Frage und ruft: „Ein großer Prophet ist unter uns aufgestanden“, und fügt hinzu: „Gott hat sich seines Volkes angenommen“ (Lk 7,16). Die Menschen suchen auszudrücken, was sie gesehen haben, und greifen dabei auf das zurück, was ihnen aus der Schrift vertraut ist. Tatsächlich kannte die Schrift ein ähnliches Wunder: Der Prophet Elia erweckte den Sohn der Witwe von Sarepta, und wie der Knabe seiner Mutter zurückgegeben wird, ist fast mit denselben Worten beschrieben wie im Evangelium: „und er gab ihn seiner Mutter“ (1 Kön 17,23; Lk 7,15).
Doch während der Prophet Elia dieses Wunder des Alten Bundes erst nach dreimaligem Gebet zu Gott vollbrachte, wirkt Christus es aus eigener Vollmacht: Er berührt die Bahre und gebietet dem Toten aufzustehen. Im Buch Deuteronomium spricht Gott, der Herr, von sich selbst: „Ich töte und mache lebendig“ (Dtn 32,39). Und in der Erzählung von der Auferweckung des Jünglings von Nain nennt der Evangelist Lukas Jesus zum ersten Mal in seinem Bericht selbst „Herr“: „Und als der Herr sie (die Witwe) sah, erbarmte er sich über sie“ (Lk 7,13).
Auf die Frage, wer der ist, vor dem der Tod weicht, antwortet der Apostel Paulus in der heutigen Lesung aus seinem eigenen Leben: „Ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20). Lukas sagt von Christus: „erbarmte sich“, Paulus sagt: „geliebt“. In beiden Fällen tut Christus selbst den ersten Schritt. Auch Paulus, damals noch Saulus, suchte die Begegnung mit Christus nicht. Er war auf dem Weg nach Damaskus, um die Christen zu verfolgen, als der Herr ihn auf der Straße anhielt, wie er den Trauerzug in Nain angehalten hatte. Nach dieser Begegnung sagt der Apostel Paulus von sich: „Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,19-20).
Wer also war der, dem die Menschen in Nain begegneten? Heute gedenkt die Kirche der Väter des Siebten Ökumenischen Konzils. Der Streit um die Verehrung der Ikonen, der auf diesem Konzil entschieden wurde, betraf dieselbe Frage. Der Apostel Johannes schreibt über das Wort des Lebens: „was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir beschaut und unsere Hände betastet haben“ (1 Joh 1,1). Der Sohn Gottes ist wirklich Mensch geworden: Man konnte ihn sehen und hören, man konnte ihn berühren. In Nain berührt Christus Selbst die Bahre des Verstorbenen. Der Mensch, der die Bahre berührt, und Gott, der dem Toten befiehlt aufzustehen, sind ein und derselbe. Die Väter des Siebten Konzils verteidigten die Verehrung der Ikonen, indem sie bekannten, dass der Sohn Gottes die wahre menschliche Natur angenommen hat. Die Ikone bezeugt, dass Gott um unseres Heiles willen Mensch geworden ist.
Im Brief an die Hebräer, der heute zum Gedächtnis der Väter gelesen wird, heißt es: „Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13,8). Es ist derselbe Christus, der den Jüngling in Nain auferweckte, derselbe, den wir auf der Ikone sehen, zu dem wir im Gebet rufen und den wir in den heiligen Mysterien empfangen.
Die Witwe von Nain bat um nichts. Sie ging hinter dem Sarg ihres einzigen Sohnes her. Christus sah sie, trat von sich aus zu ihr, sprach zu ihr: „Weine nicht“, und wandte sich dem Verstorbenen zu. Wir wissen nicht, wie und wann der Herr uns seine Barmherzigkeit offenbaren wird. Aber wir wissen, wer er ist: wahrer Gott und wahrer Mensch, der uns geliebt und sich für uns hingegeben hat.
Einem solchen Herrn darf man sein Leben anvertrauen. Dafür bewahrt die Kirche den Glauben der Apostel und der Väter. Der Apostel Paulus hat sich Christus ganz hingegeben und konnte sagen: „Christus lebt in mir“. Herr, offenbare auch uns deine Barmherzigkeit. Amen.