Im Jahre 1992 wurde der Freundeskreis Russisch-Orthodoxe Kirche e.V in Dresden ins Leben gerufen. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, durch Veranstaltungen und Begegnungen Brücken zu schlagen zwischen der orthodoxen Gemeinde und den interessierten Bürgern der Stadt Dresden. Dabei sollen vor allem Kenntnisse über die russische christliche Kultur, über die Geschichte der russisch-orthodoxen Kirche sowie über den Inhalt und die Art und Weise orthodoxer Religionsausübung vermittelt werden.

Der Freundeskreis organisiert Vorträge und Gesprächskreise mit Vertretern des Moskauer Patriarchates und mit russischen Kulturschaffenden. Durch Besichtigungen und Führungen, durch Veröffentlichung von Informationsmaterial und die Zusammenarbeit mit den Medien ist er bestrebt, die russisch-orthodoxe Kirche in Dresden einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Darüber hinaus ist es ein wichtiges Anliegen des Vereins, an der Erhaltung der Kirche mitzuwirken und Menschen zu gewinnen, die bereit sind, dieses Vorhaben zu unterstützen.

Bei der Realisierung dieser Ziele arbeitet der Freundeskreis Russisch-Orthodoxe Kirche zu Dresden e.V. sowohl mit der Dresdner Gemeinde wie auch mit dem Deutsch-Russischen Kulturinstitut e.V. eng zusammen.

Zu den Mitgliedern des Vereins gehören Geistliche und Angehörige der Gemeinde sowie kulturell, historisch oder sprachlich interessierte Bürger der Stadt Dresden.

Jeder, der bei der Umsetzung dieser Ziele mitwirken möchte, ist recht herzlich eingeladen.

Freundeskreis Russisch-Orthodoxe Kirche Dresden e.V.

Geschäftsstelle:

Fritz-Löffler-Straße 19
01069 Dresden

Telefon/Telefax: 0351/4719414

Spendenkonto: Ostsächsische Sparkasse Dresden, Konto-Nr. 312 005 9667, BLZ 850 503 00

Liste der Geistlichen der Russisch-Orthodoxen Kirche in Dresden

(mit Angabe der Anfangszeit ihres Dienstes)

1860 Priester N. Juchnowskij
1869 Priester A.F. Rosanow
1883

Erzpriester J. Smirnow
Diakone P.P. Rumjanzew, M.N.Annenkow, A.S. Spakowski

1895 Priester M.N. Annenkow
1901 Priester A.J. Wolski
1902 Erzpriester N.N. Pisarewskij
1912

Erzpriester D.N. Jackchitch
Diakon P.S. Gorjutschko

1921 Erzpriester J. Moscharowskij
Diakon G.-W.G. Mer
1935 Priester M. Wasnezow
1936 Helfer des Gemeindevorstehers: Priester S. Schinkewitsch (Prag)
1936 Priester M. Radsiuk
1939 Erzpriester D. Truchmanoff
1944 Erzpriester S.F. Samoilowitsch
Erzpriester L. Andrejtschuk
Priester A. Melnik
1953 Erzpriester G. Romanowitsch
1955 Priester A. Melnik
1959 Erzpriester M. Warschanskij
Vertreter: Erzpriester N. Markewitsch
Priester A. Melnik
Priester A. Gribkow
1961-64 Superintendant Erzpriester P. Burakow
1968 Priester P.I. Maidatschiewskij
1970 Erzpriester I. Missejuk
1981 Erzpriester S. Gladyschtschuk
seit 1978 Protodiakon G. Reinhardt
seit 1984 Erzpriester G. Dawidow

 

Kreuzprozession

Den Orthodoxen geht oft ein Ruf besonderer Strenge voraus. Für den Außenstehenden mag tatsächlich vieles am orthodoxen Ritual fremdartig erscheinen und doch ist es schwer, sich der Atmosphäre des orthodoxen Gotteshauses zu entziehen. Der Glanz der Ikonen, die sakralen Gesänge, brennende Kerzen und der Duft von Weihrauch tragen sicher das ihre dazu bei.


Altartisch (Prestol)

Gottesmutter

Jesus Christus; Fragmente der Ikonostase

 


Proskomidie vor der Göttlichen Liturgie

Der Begriff Orthodoxie leitet sich aus zwei griechischen Worten her: orthos (richtig, aufrecht) und doxa (Glaube) oder doxazo (lobpreisen). Er bedeutet also die rechte Art der Verehrung und stellt eine direkte Linie her von den christlichen Anfängen bis in die Gegenwart.

Seit den Tagen der Apostel fand der christliche Glaube trotz zahlreicher Verfolgungen im ganzen Römischen Reich immer stärkere Verbreitung. Kaiser Konstantin war der erste römische Herrscher, der sich zum Christentum bekannte und sich im Jahre 337 taufen ließ. Er baute Byzanz am Bosporus zur neuen Hauptstadt aus und gab ihr seinen Namen: Konstantinopel. Sein Nachfolger, Kaiser Theodosius, machte im Jahre 380 allen römischen Untertanen die Zugehörigkeit zur christlichen Reichskirche zur Pflicht.
Nach dem Zerfall des weströmischen Reiches ging das alte Imperium Romanum auf Konstantinopel über. Griechische Kultur, römischer Staat und christlicher Glaube verschmolzen hier zu einer neuen Synthese. Die gelehrten Brüder Kyrill und Method aus Thessaloniki schufen das erste slawische Alphabet und übersetzten die gottesdienstlichen Schriften ins Slawische. Ihre Tätigkeit half bei der Gründung der orthodoxen Nationalkirchen Ost und Südosteuropas und noch heute werden die Gottesdienste in der alten kirchenslawischen Sprache gehalten.

Als Gesandte des russischen Großfürsten Wladimir von Kiew, die den Auftrag erhalten hatten, die Religionen in den verschiedenen Ländern zu studieren, der Chrysostomus-Liturgie in der Sophienkirche zu Byzanz beigewohnt hatten, berichteten sie ihrem Herrn, sie hätten nicht gewusst, ob sie sich im Himmel oder auf Erden befänden. Mit der Heirat einer byzantinischen Kaisertochter empfing Fürst Wladimir im Jahre 988 die christliche Taufe und nahm damit für sich und sein Land den christlichen Glauben an. Nach der Invasion der Tataren und der Eroberung Kiews entstand in Moskau ein neues Machtzentrum, welches seit Beginn des 14. Jahrhunderts auch Sitz des Metropoliten war. Mit der Eroberung Konstantinopels durch die osmanischen Heere wurde die Position Moskaus entscheidend gestärkt. Im Jahre 1448 wurde die russische Kirche schließlich in die Selbständigkeit (Autokephalie) entlassen und 1589 das Moskauer Patriarchat errichtet. Heute ist die russische orthodoxe Kirche mit über 80 Millionen Gläubigen die größte autokephale orthodoxe Landeskirche.

Im Unterschied zur römisch-katholischen hat die orthodoxe Kirche kein administratives Zentrum mit einem Oberhaupt für alle Kirchen. Sie besteht aus 16 einzelnen Lokalkirchen, deren bedeutendsten ein Patriarch vorsteht. Die religiöse (dogmatische) und kirchenrechtliche (kanonische) Einheit wird dadurch garantiert, dass alle Lokalkirchen die auf den Ökumenischen Konzilen aufgestellten Dogmen und Kanones als unbedingt verbindlich anerkennen. Es ist dies die Voraussetzung für die tatsächliche Zugehörigkeit zur universalen orthodoxen Kirche, zur Weltorthodoxie.

Die Gottesdienste aller orthodoxen Kirchen stimmen im wesentlichen miteinander überein. Auch die russische Kirche benutzt jene Gottesdienstordnung, die in ihrer Substanz bereits in der Alten Kirche gebraucht wurde.

Der eucharistische Gottesdienst, der Hauptgottesdienst mit der Feier des Heiligen Abendmahles, wird in der Orthodoxie als Göttliche Liturgie bezeichnet. Sie ist seit alters her der Kern des orthodoxen Lebens. Es werden drei Formen der Liturgie unterschieden: die Liturgie des Patriarchen Johannes Chrysostomos von Konstantinopel (344-407), die nur an bestimmten Tagen zelebrierte Liturgie des Bischofs Basileios von Cäsarea (330-379) sowie die Liturgie der Vorgeweihten Gaben.


Erzengel Gabriel

Gottesmutter; Fragmente der Königspforte

 

Im orthodoxen Gottesdienst kommt der Vokalmusik eine bedeutende Rolle zu. Die orthodoxen Gesänge sind fester Bestandteil der Liturgie, in ihnen begegnen sich Priester, Diakon und Chor im Wechsel. Diese Gesänge sind keinesfalls nur schmückendes Beiwerk, sondern sie nehmen die Stelle des gesprochenen Wortes ein, geformt von der liturgischen Handlung. Diese Gesänge tragen sehr wesentlich zu der typischen, verinnerlichten Atmosphäre während des orthodoxen Gottesdienstes bei.

Eine Besonderheit orthodoxen Glaubens ist die Verehrung von Heiligenbildern, von Ikonen. Für den orthodoxen Gläubigen ist die Ikone, unabhängig von ihrer kulturhistorischen oder künstlerischen Würdigung und ihrer ästhetischen Bewertung, das Abbild des Heiligen, das ihn repräsentiert und bei dem er Schutz, Trost und Hilfe erfährt. Es ist der Ort, an welchem ihm der Heilige unmittelbar begegnet, ein Ort stiller Zwiesprache. An sie wendet er sich mit seinen Bitten, ihr erweist er die dem Heiligen zugedachte Ehre. Die Ikone nimmt also eine Stellvertreterfunktion ein. Daher liegt die Darstellung eines Heiligen nicht im Ermessen des Malers, sondern die Identität mit dem Urbild ist nur dann gesichert, wenn vorhandene Ikonen immer wieder treu kopiert werden. Der Heilige kann nur dann in seinem Bilde gegenwärtig sein, wenn es tatsächlich sein Abbild ist.


In den Festen des Kirchenjahres wird das orthodoxe Brauchtum besonders lebendig. Das Osterfest - die Auferstehung Christi - ist das höchste Fest der orthodoxen Kirche. Seit dem 4. Jahrhundert bereiten sich die orthodoxen Christen innerlich durch das Große Fasten, eine Fastenzeit von 40 Tagen, darauf vor. Während dieser Zeit übt der orthodoxe Christ den Verzicht auf Fleisch, Eier- und Milchspeisen. In der Nacht zum Ostersonntag versammelt sich die ganze Gemeinde zur Osterprozession um ihre Kirche und zum anschließenden festlichen Ostergottesdienst. Nach der Feier der Göttlichen Liturgie, oft schon in der Morgenstunde, segnet der Priester die mitgebrachten Osterkuchen (Kulitsch), die Ostereier und Milchspeisen (Pascha) und die Gemeinde trifft sich zu einem gemeinsamen fröhlichen Ostermahl, denn "Christus ist auferstanden! - Er ist wahrhaftig auferstanden!"

Ostern wird am Sonntag nach dem ersten Vollmond, welcher auf die Frühlings-Tagundnachtgleiche folgt, gefeiert. Christi Himmelfahrt und Pfingsten, die Ausgießung des Heiligen Geistes, folgen nach 40 bzw. 50 Tagen. Neben diesen "beweglichen" Feiertagen gibt es noch andere, die jedoch an ein festes Datum gebunden sind.

An dieser Stelle muss auf eine Besonderheit des orthodoxen Kirchenkalenders hingewiesen werden: er folgt der Datierung des alten Julianischen Kalenders, so dass zu dem heute gebräuchlichen gregorianischen Kalender eine Differenz von 13 Tagen besteht. Die Daten nach dem Alten Kalender werden im folgenden in Klammern wiedergegeben.

Der 14. Januar (1.1.) ist der Tag der Beschneidung des Herrn. An diesem Tag wird die Basileios-Liturgie zelebriert. Seit dem 2. Jahrhundert wird am 19. Januar (6.1.). dem Epiphaniastag, der Taufe des Herrn gedacht. Mit der Zeremonie der Wasserweihe wird der Gang Jesu zum Jordan nachvollzogen. Die Gläubigen trinken das geweihte Wasser und nehmen es mit nach Hause.

Das Fest der Darstellung des Herrn am 15. Februar (2.2.) entspricht dem Tag Maria Lichtmess der westlichen Kirche. Es erinnert an das Erstlingsopfer Jesu 40 Tage nach seiner Geburt. Unter Kaiser Justinian wurde es in Konstantinopel im Jahre 542 erstmals festlich begangen. Am 7. April (25.3.) wird das Fest der Verkündigung an die Gottesmutter gefeiert. Das Fest der Verklärung Christi wird am 19. August (6.8.) begangen. Die Errichtung einer Kirche auf dem Berg Tabor ist seit dem 5. Jahrhundert Ausgangspunkt dieses Festes.

Dem westlichen Mariä-Himmelfahrt-Fest ähnlich ist der orthodoxe Festtag Entschlafen der Gottesmutter am 28. August (15.8.). Ihm geht eine zweiwöchige Fastenzeit voraus.

Das Fest Maria Geburt am 21. September (8.9.) wird seit dem 6. Jahrhundert gefeiert. "Deine Geburt, Jungfrau, Gottesgebärerin, hat alle Welt mit Freude erfüllt. Denn aus Dir ging auf die Sonne der Gerechtigkeit, Christus, unser Gott."

Der 27. September (14.9.), das Fest der Kreuzerhöhung gehört zu den hohen Festen der orthodoxen Kirche. Es wurde schon im 4. Jahrhundert in der Jerusalemer Grabeskirche gefeiert zum Andenken an die Auffindung des Kreuzes Christi am 13. September des Jahres 326.

Auf eine legendäre Vision der Bewahrung Konstantinopels vor feindlicher Bedrohung geht das Fest Pokrow (Bedeckung) zurück. Es wird am 14. Oktober (1.10.) gefeiert.

Der Tag der Einführung der Gottesmutter in den Tempel wird am 4. Dezember (21.11.) gefeiert. Erstmals wurde dieses Fest im 8. Jahrhundert bezeugt. Dem deutschen Weihnachtsfest entspricht das Fest der Geburt Christi. Es wird vom 6. bis 8. Januar (24. bis 26.12.) gefeiert. Die Gemeinde bereitet sich darauf mit einem vierzehntägigen Fasten vor. Die Swjatki, die Heiligen Tage, die auf das Weihnachtsfest folgen, sind durch besondere Freude geprägt. Weiterhin kennt die orthodoxe Kirche noch eine Reihe von Festtagen zum Gedenken an bestimmte Heilige wie z.B. Petrus und Paulus am 12. Juli (29.6.) oder Nikolaus von Myra am 19. Dezember (6.12.).


Mit angezündeten Kerzen treten Gemeindemitglieder die Kreuzprozession an

Bauschluß, Frühjahr 1874
Dresdens Bürgermeister Friedrich WilheIm Pfotenhauer (1812-1877), dem 1853 der Titel eines Oberbürgermeisters verliehen wurde, war bei der Grundsteinlegung 1872 und der Weihe (1874) der Russisch-Orthodoxen Kirche anwesend

Die enger werdenden Beziehungen zwischen Deutschland und Russland in der Mitte des vorigen Jahrhunderts führten zu einem raschen Wachstum der Dresdner russischen Gemeinde und zu dem Entschluss, ein eigenes Kirchengebäude zu errichten. Der Dresdner Alexander Wollner, selbst russischer Abstammung, stiftete das Baugrundstück, die Mittel für den Bau - 5 20.000 Mark - wurden zu drei Vierteln vom Kaiserlichen Staatsrat Simeon von Wikulin, der Rest von der Gemeinde, von der kaiserlich-russischen Familie und vom Heiligen Synod in St. Petersburg erbracht.

In Anlehnung an die Moskauer Kirchenbauten des 17. Jahrhunderts wurde die Dresdner Kirche nach einem Projekt des deutschstämmigen kaiserlich-russischen Hofarchitekten Harald Julius von Bosse unter der Leitung des Dresdner Baumeisters Karl Robert Weißbach errichtet. Am 25. April 1872 konnte im Beisein des damaligen Dresdner Bürgermeisters Pfotenhauer die Grundsteinlegung erfolgen und nach einer zweijährigen Bauzeit wurde am 6. Juni 1874 die Kirche ihrer Bestimmung übergeben und geweiht.

Etwas außerhalb des Stadtzentrums gelegen, zwischen Hauptbahnhof und Universitätsgelände, bildet die Russisch-Orthodoxe Kirche einen reizvollen Kontrast zur übrigen Architekturlandschaft Dresdens. Der vielfach gegliederte Ziegelbau wurde außen mit Cottaer Sandstein verblendet.

Gesimse und Pilaster künden vom ornamentalen Reichtum dieser Kirche. Über der Vorkirche erhebt sich der 40 Meter hohe Glockenturm.


Die Inschrift lautet: "Baukelle, die zur Grundsteinlegung der Kirche 1872 genutzt wurde.“

Die Hauptkirche wird von 5 Türmen mit blauen Zwiebelkuppeln und vergoldeten russischen Kreuzen bekrönt, die Christus und die vier Evangelisten symbolisieren. Ein typisches Merkmal russischer Architektur sind je zwei Reihen von kielbogenartigen Ziergiebeln am Fuß der Türme, die Kokoschniki.

Wie alle orthodoxen Kirchen ist das Gebäude orientiert, d.h. in seiner Hauptachse nach dem Orient, nach Osten ausgerichtet. Das Gebäude ist in drei Hauptteile gegliedert: eine kleine Vorhalle, den eigentlichen Kirchenraum und den Altarraum, das Allerheiligste.

Über eine große Freitreppe und durch das Portal der Kirche gelangt der Besucher in eine kleine Vorhalle und anschließend in den Kirchenraum, zu dessen Seiten sich Apsiden öffnen. In der nördlichen Apsis, die für Gedenk- und Totenfeiern genutzt wird, befinden sich ein mit dem gekreuzigten Heiland bemaltes Holzkreuz und ein Sarkophag, der das Grab Christi symbolisiert. Die südliche Apsis ist der Standort des Chores während des orthodoxen Gottesdienstes.

 

Zeichnung der Außenansicht sowie Grundriss und Längsschnitt; Klick auf das jeweilige Bild für eine größere Ansicht!

 

Das Fehlen von Kirchengestühl - außer den älteren Gemeindemitgliedern nehmen die orthodoxen Gläubigen stehend am Gottesdienst teil, eine altkirchliche Tradition, der auch der Zar und der gesamte kaiserliche Hofstaat unterworfen waren, - ermöglicht einen wunderbaren Eindruck von der Schönheit des Raumes.

Mittelpunkt und Blickfang ist der Ikonostas (die Ikonenwand), welcher den Kirchenraum vom Allerheiligsten trennt. Er ist aus weißem Carrara-Marmor errichtet und enthält drei Türen, die in den Altarraum führen. Die zweiflüglige Haupttür in der Mitte - die Königspforte - ist mit reich vergoldeten Schnitzereien versehen und zeigt die Bildnisse der vier Evangelisten und die Verkündigung Marias. Durch diese Tür werden im Verlauf der Liturgie Leib und Blut Christi sowie das Heilige Evangelium getragen.

Die Anordnung der Ikonen folgt in allen orthodoxen Kirchen dem gleichen Schema: Rechts neben der Königspforte die Ikone des Erlösers, links das Bild der Gottesmutter. Die südliche Seitenpforte zeigt das Bildnis des Erzengels Gabriel, rechts daneben befindet sich die Ikone des Namenspatrons der Kirche, des Hl. Simeon vom wunderbaren Berge. Eine silberne bogenförmige Tafel erinnert an Simeon von Wikulin, den Stifter der Kirche.

Die obere Ikonenreihe enthält vier Brustbilder von Heiligen: links Nikolaus von Myra und Mitrophan von Woronesh, rechts der Apostel Petrus und Tichon von Sadonsk, dazwischen links das Symbol des Alten Testamentes, die Tafeln mit den Zehn Geboten, und rechts der Abendmahlskelch als Symbol des Neuen Testamentes. In der Mitte, über der Königspforte und dem Symbol des Heiligen Geistes, nimmt die Darstellung des Heiligen Abendmahles einen zentralen Platz ein. Alle diese Ikonen wurden von James Marshall (1838 - 1902), der auch die vier Ovalbilder im Deckenplafond und den Proszeniumsfries der Dresdner Semperoper gestaltete, auf Goldgrund gemalt.

Vor allen Hauptikonen sowie auf beiden Seiten des Pultes (Analoj) mit der jeweiligen Festtagsikone stehen bronzene Kandelaber, in denen die Gläubigen während des Gottesdienstes ihre Opferkerzen entzünden. Der Raum vor der Ikonenwand (Ambon) ist um drei Stufen erhöht und durch eine Balustrade aus weißem Marmor vvom übrigen Kirchenraum getrennt.

Das Allerheiligste, der Altarraum, wird nur von den männlichen Personen betreten, die im direkten Bezug zum Altardienst stehen. In der Mitte des Raumes befindet sich der reich mit Brokat verkleidete Altartisch (Prestol). Auf ihm steht - wie schon einst im Tempel von Jerusalem - der siebenarmige Leuchter, welcher hier die sieben christlichen Sakramente symbolisiert. Davor, in Form einer Kirche gestaltet, der silberne Tabernakel, in dem die Heiligen Gaben aufbewahrt werden. Auch das Antimins, ein symbolisches Leichentuch Christi mit religiösen Darstellungen, das prachtvoll gebundene Evangelium, das Segenskreuz und das Gefäß mit dem Salböl, dem Heiligen Myron, haben auf dem Altartisch ihren festen Platz. Links vom Altar befindet sich der Rüsttisch, auf welchem vor Beginn der Liturgie die Proskomedie ausgeführt wird, die Vorbereitung der Heiligen Gaben zur Feier der Eucharistie.


Zar Alexander II. (1818-1881) und seine Gattin, Zarin Maria Alexandrowna (1824-1880), geborene Prinzessin von Hessen-Darmsadt, Tochter des Herzogs Ludwig II.
Im Juni 1875 besuchte Alexander II. die Dresdner Kirche. Diesem Ereignis ist eine Gedenktafel gewidmet (Bild unten).

Die sich an den Altarraum zu beiden Seiten anschließenden Sakristeien dienen der Aufbewahrung der Ornate, der reichen liturgischen Gewänder. In ihnen finden sich auch verschiedene kirchliche Gerätschaften, die zumeist auf Spendengaben zurückgehen.

Die wechselvolle deutsche Geschichte ging auch an der Dresdner Russischen Kirche nicht vorüber, ohne tiefe Spuren zu hinterlassen. Während des 1. Weltkrieges wurden die 8 Kirchenglocken - die größte wog fast drei Tonnen - entfernt und für Kriegszwecke eingeschmolzen. Am Ende des 2. Weltkrieges wurden bei dem Bombenangriff auf Dresden am 13. Februar 1945 glücklicherweise nur einige Teile der Kirche zerstört. Das mittlere Altarfenster, welches - ebenfalls von James Marshall gestaltet - die Auferstehung des Herrn darstellte, ging unwiederbringlich verloren. Die Haube des Glockenturmes und drei der fünf Kuppeln wurden zertrümmert, das Dach und Teile des Inventars brannten, und doch blieb das Kirchengebäude inmitten einer Trümmerwüste erhalten.
Vier Jahre, von 1948 bis 1952, dauerte die Beseitigung der Kriegsschäden. Durch das Geschenk eines katholischen Geistlichen aus Wilsdruff konnte 1973 das bis dahin fehlende Glockengeläut wieder ersetzt und 1976 durch vier weitere, in Apolda gegossene Glocken, vervollständigt werden. Durch Unterstützung des Sächsischen Landesamtes für Denkmalpflege, der Landeshauptstadt Dresden, der evangelischen und katholischen Kirche sowie vieler gesellschaftlicher und privater Spender konnte 1991 mit der umfassenden Rekonstruktion des Gebäudes begonnen werden. Heute erstrahlen die blauen Kuppeln und die vergoldeten Kreuze in neuem Glanz und weisen dem Besucher den Weg zu einem Kleinod der Stadt Dresden: der Russisch-Orthodoxen Kirche.

Die "Allgemeine Illustrierte Zeitung", Stuttgart 1874, widmete einen Artikel der Einweihung der Dresdner Kirche mit einem Bild der Kirche. Gustav Rasch, ein Besucher des neuerbauten Gotteshauses schreibt: "...die Kirche hat eine ganz vorzügliche Akustik. Die Stimmen des trefflichen Sängerchores, den ich an einem Sonntag-Morgen hörte, klangen so harmonisch und überaus wohltönend, einer besseren Akustik bin ich nirgends begegnet, in keiner Kirche und in keinem Musiksaal."

Ein unvergesslicher Höhepunkt im Leben der Dresdner Gemeinde war der Festgottesdienst des Moskauer Patriarchen Alexij II. am 23. November 1995.

Gottesdienst: Rechts von Alexij II. Metropolit Kyrill. Vorsitzender der Abteilung für auswärtige kirchliche Angelegenheiten beim Patriarchat und Erzbischof Longin. Vertreter der Russisch - Orthodoxen Kirche in Deutschland
Gottesdienst: Rechts von Alexij II. Metropolit Kyrill. Vorsitzender der Abteilung für auswärtige kirchliche Angelegenheiten beim Patriarchat und Erzbischof Longin. Vertreter der Russisch - Orthodoxen Kirche in Deutschland
Der Metropolit Kyrill von Smolensk, der Vertreter des Moskauer Patriarchen in Deutschland Erzbischof Longin, der Bischof von Berlin und Deutschland Feofan und andere orthodoxe Bischöfe nahmen daran teil. Der sächsische Ministerpräsident Prof. Kurt Biedenkopf, der Generalkonsul der Russischen Föderation Wassilij Smirnow, die obersten Vertreter der evangelisch-lutherischen Landeskirche und der römisch-katholischen Kirche, Bischof Volker Kreß und Bischof Joachim Reinelt, Altbischof Johannes Hempel sowie weitere namhafte Persönlichkeiten waren zu diesem festlichen Anlass Ehrengäste der Russisch-Orthodoxen Kirche.

Russische Menschen, die aus diplomati­schen, wirtschaftlichen oder kulturellen Gründen in den Staaten Westeuropas leb­ten, bildeten bereits im 17. Jahrhundert dort die ersten orthodoxen Gemeinden.

In Dresden gab es schon in den Jahren 1813/1814 eine Kapelle für den orthodo­xen Gottesdienst in einem Saal des Brühlschen Palais, in dem damals der russische Gouverneur Fürst Repnin-Wolkonskij residierte. Im Palais des Prinzen Maximilian auf der Ostraallee war eine weitere orthodoxe Hauskapelle eingerichtet worden.

Die Anfänge einer eigenständigen russisch-orthodoxen Kirchgemeinde in Dresden gehen auf das Jahr 1860 zurück, als von den hier lebenden Russen der Wunsch geäußert wurde, eine Hauskapelle einzurichten. Im Jahre 1861 wurde mit dem Segen des St. Petersburger Synodes in einem Privathaus in der Sidonienstraße der erste Gebetsraum ein­gerichtet. 1862 zählte die Gemeinde bereits 358 Mitglieder. Von Anfang an bildete sich diese Gemeinde nicht als eine Privatvereinigung, sondern als Teil der Russisch-Orthodoxen Mutterkirche. Noch im selben Jahr wurde ein Kirchenchor gegründet, der interessanterweise zunächst aus vier Sängern der Dresdner Oper bestand. Im Jahre 1864 zog die Gemeinde in ein Haus in der Beuststraße 4, heute Mary-Wigman-Straße, in der Nähe der Bürgerwiese, das für die Dauer von sechs Jahren gemietet werden konnte. Diese Hauskirche wurde von Priester Nikolai Juchnowski zu Ehren des Einzuges des Herrn in Jerusalem geweiht.

Simeon von Wikulin
Simeon von Wikulin, Gründer der nach ihm benannten Stiftung, verfügte „die immerwährende eigentümliche Überlassung des Stiftungsgrundstückes mit allen darauf befindlichen Baulichkeiten, insbesondere dem Kirchengebäude, an die in Dresden aufenthältlichen Bekenner der orthodoxen russischen Kirche zu Gunsten dieser letzteren und für deren gottesdienstliches Bedürfnis.

Zu den bekannten Gemeindeangehö­rigen dieser Zeit zählten der Gesandte der Russischen Mission am Sächsischen Hof Wassili Kotzebue, der Geheimrat Simeon von Wikulin und der Sekretär der Missi­on Alexander Wollner. Die Gemeinde­mitglieder verfolgten jedoch leidenschaft­lich den Gedanken der Errichtung eines eigenen Gotteshauses. Die Schenkung eines Grundstückes durch Alexander Wollner, die überaus großzügige Spende Simeon von Wikulins, der unentgeltliche Entwurf des Kirchengebäudes durch den Architekten des Zarenhofes Harald Julius von Bosse, die Unterstützung des Zarenhofes selbst sowie die Bemühungen vieler anderer Spender und Helfer ermöglichten schließlich den Neubau eines russisch­orthodoxen Gotteshauses in der Nähe der Russischen Mission in Dresden.

Am 6. Juni 1874 konnte die Kirche schließlich durch den Geistlichen der Wiener Botschaftskirche Erzpriester Rajewski, den Erzpriester Kustodijew aus Pest (heute Budapest), den Priester Palisadow aus Karlsbad und den Dresdner Priester Rosanow auf den Namen des Heiligen Simeon vom wunderbaren Berge, des himmlischen Schutzpatrons des Simeon von Wikulin, geweiht werden.


Alexander Rosanow mit Ehefrau Antonina (Dresden, um 1869)
Alexander Rosanow mit Ehefrau Antonina (Dresden, um 1869
Alexander Rosanow war der geistliche Betreuer der russisch - orthodoxen Gemeinde in Dresden von 1869 bis 1883. Er war der erste Erzpriester dieses Gotteshauses.

Alexander Rosanow stammte aus St. Petersburg. Er und seine Frau Antonina (1842-1919) hatten 7 Kinder, zwei von ihnen starben im jüngeren Kindesalter. Einer der drei Söhne, Nikolaj, wurde auch Priester. Die Nachkommen von Alexander Rosanow waren sehr begabte Persönlichkeiten: hochstudierte Physiker, Hydrotechniker, Psychologen, Biologen, Ärzte. Einige von ihnen waren Professoren und Dozenten an den Hochschulen von St. Petersburg.

Die in Dresden geborene Tochter Alexandra (1876-1942) war bekannt als herausragende Pianistin und hochtalentierte Pädagogin am St. Petersburger Konservatorium, wo sie glänzende Schüler erzogen hat. 1912 wurde sie zur Professorin ernannt. 1917-1920 unterrichtete Frau Prof. Rosanowa als erste Musiklehrerin den damals dreizehnjährigen Dmitrij Schostakowitsch.
Erzpriester der Russisch-Orthodoxen Kirche Jakow Smirnow (1855-1936), der nach dem Tode Alexander Rosanows die Gemeinde geistlich weiter betreute und seine Frau Maria (1866-1953), die älteste Tochter Rosanows.
Erzpriester der Russisch-Orthodoxen Kirche Jakow Smirnow (1855-1936), der nach dem Tode Alexander Rosanows die Gemeinde geistlich weiter betreute und seine Frau Maria (1866-1953), die älteste Tochter Rosanows.
Alexander Rosanow starb 1883 an Schwindsucht und ist auf dem Trinitatisfriedhof in Dresden beigesetzt; hier liegen auch zwei seiner Kinder. Sein bescheidenes Grab ist bis heute erhalten geblieben. Einige Meter von Rosanows Grabstelle entfernt befindet sich die Familienruhestätte eines Dostojewskij-Freundes, Baron Alexander von Wrangel (1833 -1915), der als Gesandter des Zaren in der sächsischen Landeshauptstadt tätig und Mitglied der Gemeinde war.

 

Antonina Rosanowa, die Witwe von Alexander Rosanow, mit Enkeltochter Elena
Antonina Rosanowa, die Witwe von Alexander Rosanow, mit Enkeltochter Elena
Alexandra Rosanowa (vorne links) und Maria Rosanowa (vorne rechts), Töchter des Erzpriesters Rosanow
Alexandra Rosanowa (vorne links) und Maria Rosanowa (vorne rechts), Töchter des Erzpriesters Rosanow

 

Professor Nikolaj Rosanow mit seiner Gattin an der Grabstätte des Urgroßvaters
Nikolaj Rosanow mit seiner Gattin an der Grabstätte des Urgroßvaters

Die Gemeinde hält Kontakte zum Urenkel des Erzpriesters, dem Professor für Physik in St. Petersburg, Mitglied der Akademie der Wissenschaften Russlands, Nikolaj Rosanow, der mehrmals zu Physiktagungen in Dresden weilte, sowie zu dessen Schwester Frau Prof. Natalia Rosanowa - Sagrjadskaja. Beide haben der Gemeinde sehr interessante Informationen, Archivfotos und Schriften übergeben. Der andere Zweig der Familie, die Nachfahren der Tochter Alexander Rosanows, Maria, lebt in Paris.

 


Fjodor Dostojewskij (1880)
Fjodor Dostojewskij (1880)
Dostojewskijs Tochter Ljubow (1869-1926)
Dostojewskijs Tochter Ljubow (1869-1926)
Unter den Mitgliedern der russisch - orthodoxen Gemeinde in Dresden waren zu unterschiedlichen Zeiten viele bedeutende Kulturschaffende Russlands.

Fjodor Dostojewskij, einer der bekanntesten russischen Schriftsteller, besuchte Dresden mehrmals und lebte 1867, 1869 - 1871 mit seiner Familie in Sachsens Hauptstadt. Er verfasste hier sein weltberühmtes Werk „Die Dämonen" und andere Schriften. Nirgendwo im Ausland hielt sich Dostojewskij so lange auf, wie in Dresden. Über ihre Aufenthalte hier schrieb Frau Dostojewskij in den "Erinnerungen" und im "Tagebuch 1867". Im September 1869 wurde Dostojewskijs Tochter in Dresden geboren und im Januar 1870 in der russischen Gemeinde von Erzpriester Alexander Rosanow auf den Namen Ljubow getauft. In den Kirchenarchivbüchern findet sich dazu eine Eintragung.

 

Faksimilie aus dem Geburtenregister der Russisch-Orthodoxen Kirche zu Dresden über die Geburt und Taufe von Ljubow Dostojewskaja
Faksimilie einer Eintragung im Geburtenregister der Russisch-Orthodoxen Kirche zu Dresden über die Geburt und Taufe von Ljubow Dostojewskaja; Klick auf Bild für größere Ansicht inkl. deutscher Übersetzung.

Zur Verwaltung des kirchlichen Vermögens wurde die Simeon-von-Wikulin-Stiftung begründet. Entsprechend dem Testament Wikulins und der Satzung der Stiftung wurde die Kirche den in Dresden ansässigen orthodoxen Gläubigen auf ewige Zeit überlassen.

Nach der Weihe des russischen Gotteshauses in Dresden wurde die Gemeinde der russisch-orthodoxen Kirche durch die Sächsische Regierung als gleichberechtigt mit den anderen christlichen Konfessionen anerkannt. Als Interessenvertreter der Kirche wurde durch die Russische Regierung der jeweilige Vorsteher des Gotteshauses eingesetzt.

Einen gravierenden Einschnitt in das Leben der Gemeinde brachte der l. Weltkrieg. Auf Anweisung der kaiserlich-deutschen Regierung wurde die Kirche geschlossen. Die Aufsicht über das Gebäude und das darin befindliche Inventar wurde einem Polizeirat übertragen.

Die Dresdner Polizeibehörde erklärte am 30. März 1915, „dass gewisse sicherheitspolitische Bedenken gegen die Wiederaufnahme des Gottesdienstes insofern bestehen, als der in russischer Sprache stattfindende Gottesdienst sich nicht genügend darauf würde überwachen lassen, ob er etwa in antideutschem Sinne abgehalten und für Fürbitten für den Sieg der russischen Waffen benutzt werden wird."

Erst 1921 wurden die Schlüssel der Kirche auf Grund eines staatlichen Beschlusses an den Erzpriester Johannes Mosharowski wieder ausgehändigt. Erzbischof Eulogius, der nach der Ernennung zum Diözesanbischof durch den Moskauer Patriarchen Tichon die russischen Gemeinden in Westeuropa betreute, führte Mosharowski in sein Amt ein.
Pjotr Stolypin
Pjotr Stolypin

Die Gemeinde verfügt über Archivdokumente seit 1860. Viele historisch bekannte Namen trifft man in den Eintragungen. Den Kirchenbüchern über die Taufe ist zu entnehmen, dass der 1862 in Dresden geborene Pjotr Stolypin hier in der Gemeinde 1863 getauft wurde. Er war der letzte große Reformator in der Geschichte des russischen Kaiserreiches, ab 1906 Vorsitzender des Ministerrates Russlands. 1911 wurde er in Kiew durch einen Terroristen ermordet.

 


Sergej Rachmaninow
Sergej Rachmaninow
Der weltberühmte russische Pianist, Dirigent und Komponist Sergej Rachmaninow (1873 - 1943) hatte in den Jahren 1906 - 1909 mit seiner Familie ein Haus in der Sidonienstrasse bezogen. Er bemerkte in einem der Briefe an einen Freund: „Die Stadt selbst gefällt mir sehr... und ich fühle mich ganz wie zu Hause..."

Hier in Dresden komponierte er einige bedeutende Werke, wie z.B. die 2. Sinfonie oder "Insel der Toten"; außerdem bereitete er sich hier auf seine Weltkonzertreisen vor. Das 3. Klavierkonzert wird oftmals als Rachmaninows Dresdner Konzert bezeichnet. In Dresden schloss er Freundschaft mit dem bekannten Maler und Grafiker Robert Sterl, der sein Porträt im April 1909 zeichnete. Rachmaninow hielt sich auch danach noch mehrere Male für kurze oder längere Zeit in Elbflorenz auf, zum letzten Mal 1928.

Alle Mitglieder der Familie Rachmaninow sowie der Familie von Satin, seiner Schwiegereltern, gehörten zur russischorthodoxen Gemeinde und nahmen am kirchlichen Leben aktiv teil. Die ältere Tochter des Komponisten, Irina, wurde in der Russisch-Orthodoxen Kirche in Dresden am 24. September 1924 mit dem Fürsten Pjotr Wolkonskij feierlich getraut, worüber eine Eintragung in den Kirchenbüchern vorhanden ist.

Zu dieser Zeit war die Dresdner orthodoxe Gemeinde infolge der Flüchtlingswelle, die nach Revolution und Bürgerkrieg aus Russland einsetzte, stark angewachsen. Zur Gemeinde gehörten nun weißgardistische Offiziere adliger Abstammung mit ihren Familien, auch Wissenschaftler und Künstler, die mit der Politik der Bolschewiki nicht einverstanden waren, wie z.B. der berühmte Philosoph Fjodor Stepun. Aber auch viele einfache Menschen wurden in den Kriegsstrudel hineingezogen und fanden letztendlich eine Bleibe in Dresden. Erzpriester Mosharowski führte alle diese Menschen zu einer Gemeinde zusammen und erreichte, dass wieder ein reges Gemeindeleben entstand. Für die karitative Arbeit wurde 1924 die Martha-Schwesternschaft gegründet, die durchreisende Flüchtlinge und andere hilfebedürftige Menschen betreute. Die in der Kirche befindliche Bibliothek wurde in Ordnung gebracht und für die Leser geöffnet.

Für die Kinder russischer Flüchtlinge wurden Bibelstunden und Unterricht in russischer Sprache und russischer Geschichte gestaltet. Dieser Unterricht fand in den Gemeinderäumen der benachbarten Lukaskirche statt - ein schöner Beweis für den konfessionsüberschreitenden nachbarlichen Kontakt schon zu jener Zeit, der sich bis heute erhalten hat.

Seit Bestehen der Kirche stellte das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten des Zarenreiches jährlich 1500 Goldrubel für die Unterhaltung der Kirche zur Verfügung. Nach dem revolutionären Umsturz in Russland entfiel jedoch jegliche staatliche Unterstützung für die Kirchen. Im Gegenteil: dort begann der Terror gegen die Institution der Kirche.

Deshalb sah sich anfangs der 30er Jahre der Gemeindevorstand der Dresdner Kirche genötigt, sich mit der Bitte um finanzielle Hilfe an die Gemeinde selbst zu wenden. Das Kirchenjournal aus den Jahren 1932 bis 1935 enthält eine vom Geistlichen Mosharowski aufgestellte Liste mit 52 Namen und Adressen von Gemeindemitgliedern, an die ein Aufruf zu einer Geldspende abgesandt worden war. An der gleichen Stelle findet sich auch der Entwurf eines Briefes an den Griechischen Generalkonsul in Dresden, welcher Glückwünsche zum Weihnachtsfest mit dem Dank an die in Dresden wohnenden orthodoxen Griechen für die bereits seit 12 Jahren geleistete großzügige Unterstützung verband. Eine Liste mit 51 Namen der Dresdner orthodoxen Griechen beweist, dass dieser Dresdner orthodoxen Gemeinde in jener Zeit mehr als 100 Familien angehörten, unter ihnen Hochschullehrer, Ärzte, Apotheker, Unternehmer und Obersetzer. Die Dresdner Gemeinde unterstand damals der Jurisdiktion des Moskauer Patriarchen.
Süd-östliche Ansicht der Kirche (um 1900)
Süd-östliche Ansicht der Kirche (um 1900)

In den 20er Jahren bildete sich aus den Reihen der aus Russland emigrierten Geistlichen eine kirchliche Spaltungsbewegung unter der Führung des sogenannten Karlowatzer Synodes, die sich später zur Russisch Orthodoxen Kirche im Ausland mit dem Zentrum in New York formierte. Als ihren Vertreter setzte die nationalsozialistische deutsche Regierung Erzpriester Tichon als Bischof von Berlin und Deutschland ein, der zunächst von Erzbischof Euglogius zum Vikarbischof geweiht worden war, sich dann aber von ihm lossagte und dem Karlowatzer Synod unterstellte.

Mit der Machtergreifung der National-Sozialisten brachen auch für die orthodoxen Gläubigen schwere Zeiten an.

Obwohl die Gemeinde der russischen Emigranten fast geschlossen auf der Seite des Metropoliten Eulogius (der inzwischen von Berlin nach Paris übersiedelte) stand, welcher als einziger Exilbischof über eine rechtmäßige kanonische Einsetzungsurkunde verfügte, wurde vom Preußischen Kultusministerium auf die Dresdner Gemeinde starker Druck ausgeübt, um sie zum Übertritt vom Moskauer Patriarchat zur Auslandskirche zu bewegen.

 


 

In einem Aktenvermerk zu einer Beratung am 4. August 1937 im Ministerium für die kirchlichen Angelegenheiten heißt es:

„Warum wir diese Einigung eben in der Konzilkirche wünschen, von rein politischem Standpunkt, ist ebenso verständlich, weil es bekannt ist, dass eben in der Konzilkirche die aktivsten rechtsstehenden Elemente, die am stärksten national Denkenden gesammelt sind, die am meisten befähigt sind, am antibolschewistischen Kampf teilzunehmen, während in den Reihen der Herde des Metropoliten Eulogius sich an führender Stelle sehr viele befinden, die nach links neigen, Leute mit äußerst liberalen Anschauungen, die am aktiven Kampf gegen den Bolschewismus und alle ihm verwandten Strömungen überhaupt nicht interessiert sind. Ebenso ist der deutschen Regierung der Einfluss dieser Pariser Kreise auch deshalb unerwünscht, weil diese gleichzeitig mit ihrer feindlichen Haltung gegenüber der Orthodoxen Konzilkirche auch Feinde des Dritten Reiches und prinzipielle Gegner der Harmonie zwischen dem christlichen Glauben und nationalsozialistischen Weltanschauung sind."

Diesem widerstand die Dresdner Gemeinde jedoch mehrere Jahre in der Hoffnung auf die baldige Vereinigung der Auslandskirche mit der Moskauer Mutterkirche. Auf einer Gemeindevollversammlung am 31. Januar 1938 wurde der Vorschlag des Ministeriums für Kultus, zur Jurisdiktion der Auslandskirche überzutreten, lebhaft diskutiert. Die Gemeinde stimmte jedoch mehrheitlich für den Verbleib in der Jurisdiktion des Metropoliten Eulogius. Auf Grund eines von Reichskanzler Adolf Hitler am 25. Februar 1938 verabschiedeten Gesetzes und einer Durchführungsverordnung dazu vom 5. Mai 1939 wurden der Grundbesitz und das gesamte Vermögen der russischen Kirche in Dresden der orthodoxen Auslandskirche überschrieben, die dem nationalsozialistischen Regime genehm war und in der die orthodoxen Gemeinden gleichgeschaltet werden sollten, auch im Hinblick auf die geplante Erweiterung des Deutschen Reiches nach Osten. Nach dieser Enteignung wurde die Gemeinde 1939 der Deutschen Diözese der Auslandskirche eingegliedert. Mehrere Gemeindemitglieder, darunter Prof. Stepun und Fürst Obolenski, traten daraufhin aus. Damit der Gemeinde aus. Damit wurde die private Simeon-von Wikulin-Stiftung willkürlich enteignet.

Während des 2. Weltkrieges wurde die Kreuzprozession zum Osterfest verboten. Nach dem Bombenangriff auf Dresden am 13. Februar 1945 blieb die russische Kirche inmitten zerstörter Häuser wie durch ein Wunder erhalten. Die Bombenschäden am Gebäude waren jedoch beträchtlich. Aber auch in der beschädigten Kirche ging das Gemeindeleben weiter. Trauungen, Taufen und Aussegnungen der Verstorbenen fanden statt. Viele der russischen Emigranten, die den Krieg überlebt hatten, blieben in Dresden. Unbehelligt von der deutschen Verwaltung und der sowjetischen Besatzungsmacht begann wieder das religiöse Leben. Erzpriester Sergej Samoilowitsch bat in einem ergreifenden Brief an den Moskauer Patriarchen um die Rückkehr in den Schoß der Mutterkirche: „Wir bereuen vom ganzen Herzen, Eure Heiligkeit, unsere unfreiwillige Abspaltung von der Russisch-Orthodoxen Mutterkirche... Nach der maßlosen Unterdrückung, den Entbehrungen und Verfolgungen hier in der Fremde bitten wir Eure Heiligkeit um Wiedervereinigung und Aufnahme unter Ihre Heilige Obhut." Dieser Bitte wurde entsprochen und seitdem gehört die Dresdner Gemeinde wieder der Mutterkirche, dem Moskauer Patriarchat, an.

Süd-östliche Ansicht der Kirche (April 1950), nach der Zerstörung am 13. Februar 1945
Süd-östliche Ansicht der Kirche (April 1950), nach der Zerstörung am 13. Februar 1945