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Dieser Artikel erschien in gekürzter Fassung 2007 in  "Themenhefte Religion", Heft 6: "Die christlichen Konfessionen"; Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2007.

Historischer Überblick

Inhalt
Historischer Überblick
Glaubenslehre
Glaubenspraxis
Fußnoten

Der hl. Apostel Andreas, welcher Christus als Erster folgte, ist als der „Erstberufene“ bekannt, und als die Jünger Christi, die Apostel, daran gingen, den Menschen das Wort Gottes zu bringen, fiel dem hl. Andreas das Los zu, im künftigen Rußland zu missionieren. Es gibt eine Legende darüber, daß er auf der Krim-Halbinsel gewesen ist. Aus Chersones, dem heutigen Sewastopol, reiste er den Dnjepr hinauf bis zur Gegend des heutigen Kiew, und weiter flußaufwärts, zu den „letzten Slawen“, dorthin, wo heute Nowgorod liegt, und sogar bis zu den Valaam-Inseln im Ladogasee in Karelien. Überall predigte er, dem Geheiß unseres Herrn Jesus Christus gemäß, das Wort Gottes. Allerdings sollten von der ersten Predigt bis zur Bekehrung Rußlands weitere neun Jahrhunderte vergehen.

Im 9. Jahrhundert sandte der mährische Großfürst Rostislaw nach Konstantinopel zum Imperator und bat um „Lehrer“ (Missionare), die der slawischen Sprache mächtig waren. Er beklagte sich darüber, daß er in Mähren von deutschen, das heißt lateinischen, Bischöfen „bedrängt“ wurde. Auf Initiative des Imperators und des damals amtierenden Patriarchen, des hl. Photios (858-867 und 877-886), wurden die beiden Brüder Konstantin (später im Mönchtum Kyrillos) und Methodios, beides Geistliche und gelehrte Männer, mit der Mission beauftragt. Diese waren vorher schon bei den (v.a. jüdischen) Chasaren auf der Krim gewesen, haben gepredigt und dort (in Chersones) die slawische Sprache erlernt.

Noch vor der Missionsreise wurden in Konstantinopel Übersetzungen des Evangeliums, des Apostels, des Psalters und einiger liturgischer Texte ins Slawische vorgenommen. Die dafür eigens entwickelte und jetzt so genannte kyrillische Schrift war in ihrer Urform ein Werk des hl. Konstantin (als Mönch bekam er später den Namen Kyrill), seines Bruders, des hl. Methodios, und ihrer Schüler. Die Slawenmission stellt einen gewissen Gegensatz zwischen der Ost- und der Westkirche der damaligen Zeit heraus: die Slawenapostel stießen bei ihrer Mission nämlich auf den Widerstand ... der deutschen Bischöfe. Den Grund für diesen Widerstand und den Disput beschreibt die Vita Constantini folgendermaßen:

Als er in Venedig war, versammelten sich gegen ihn die Bischöfe, Priester und Ordensleute, wie Krähen gegen einen Habicht, und vertraten die Häresie der drei Sprachen, indem sie sagten: "Mensch, sage uns, wie kann es sein, daß Du den Slawen eine Schrift gabst und sie lehrst? Denn niemand vorher hat sie erreicht: weder die Apostel, noch der römische Papst, noch Gregorius Dialogus, noch Hieronymus, noch Augustin. Wir kennen ja nur drei Sprachen, in denen es möglich ist, Gott zu lobpreisen: hebräisch, griechisch, lateinisch."

Es antwortete ihnen der Philosoph[1]: „Ergeht nicht der Regen von Gott auf alle gleichermaßen, scheint nicht die Sonne gleich auf alle? Wie schämt ihr euch nicht, nur drei Sprachen anzuerkennen, den anderen Völkern und Stämmen aber gebietet ihr, blind und taub zu sein; sagt es mir, ihr, die ihr Gott für unfähig haltet, als könne Er dies den Nationen nicht gewähren, oder für neidisch, daß Er dies ihnen nicht gewähren will? Wir aber kennen viele Völker, die Schriften haben und Gott verherrlichen, jedes in seiner Sprache. Es ist bekannt, daß dieses sind die Armenier, die Perser, die Abchasier, die Georgier, die Sogder, die Goten, die Avaren, Türken, Chasaren, Araber, Ägypter, Syrer und viele andere.

Erst ein Eingreifen des Papstes schlichtete diese Auseinandersetzung, die allerdings auch in späterer Zeit ab und an wieder aufflammte.

Der Grundstein aber war gelegt: den Weiten der Rus wurde das Evangelium gebracht. Im 9. Jahrhundert waren die Varägerfürsten Askold und Dir die ersten christlichen Herrscher der Reußen. Die ersten organisierten christlichen Gemeinden in Kiew tauchen im frühen 10. Jahrhundert auf, und im Jahre 957 wurde Olga, die damalige Regentin und Witwe des Großfürsten Igor, in Konstantinopel getauft. Wladimir I, Olgas Enkel und Großfürst von Kiew, wählte unter verschiedenen Optionen das byzantinische Christentum für sein Reich und führte die Kiewer Rus so letzten Endes im Jahre 988 zum Christentum. Unter den Gesandten der verschiedenen, die Rus umgebenden Religionen, beeindruckte ihn besonders die von einem griechischen Mönch gezeigte Darstellung des Jüngsten Gerichts, woraufhin er Gesandte nach Konstantinopel schickte, die den christlichen Glauben der Griechen kennenlernen sollten. Diese wohnten in der Hagia Sophia einer Göttlichen Liturgie bei, und legten ihrem Fürsten später Rechenschaft ab: „Wir wissen nicht, ob wir im Himmel waren oder auf Erden, denn auf Erden gibt es einen solchen Anblick und eine solche Schönheit nicht. Dort verweilt Gott Selbst mit den Menschen, und ihre Gottesdienste sind herrlicher als in jedem anderen Land. Wir können eine solche Schönheit nicht vergessen.“[2] Das Jahr 988 wurde folglich zum Jahr der „Taufe Rußlands“.

Die Russische Kirche entwickelte sich zunächst als Metropolie der Griechischen Kirche, genauer des Patriarchats von Konstantinopel. Die Metropoliten wurden, wie auch viele Bischöfe und Geistliche, von Konstantinopel aus eingesetzt und rekrutierten sich in der Anfangszeit vor allem aus den Griechen. Doch schon in der Mitte des 11. Jahrhunderts war erstmals ein Russe, der hl. Hilarion, Metropolit von Kiew. Eine recht weitreichende Autonomie der Russischen Kirche ist so fast vom Beginn ihres Bestehens an gut belegt. Auch bereits im 11. Jahrhundert entstand das Mönchtum in der Rus. Der hl. Antonij Petscherskij brachte als Erster die Traditionen des athonitischen Mönchtums nach Rußland. Dabei war er kein Missionar im klassischen Sinn: er ließ sich in einer Höhle bei Kiew nieder und verbrachte sein Leben in asketischen Übungen und Gebet. Nach und nach fanden Jünger zu ihm, und so wurde 1051 das Kiewer Höhlenkloster gegründet. Es sollte für lange Zeit das geistliche Zentrum der Kiewer Rus sein. Klöster hatten zu allen Zeiten einen enormen Einfluß auf die Geschicke des Landes: abgesehen davon, daß sie das Werk der Verkündigung des Evangeliums und der geistlichen Erleuchtung leisteten, waren sie Zentren der Bildung. Insbesondere ist es heute einzig den Klöstern zu verdanken, daß man dank ihrer Chronisten ein Bild von den Ereignissen der damaligen Zeit hat. Auf die wohl berühmteste Chronik, die „Geschichte der vergangenen Zeit“ des hl. Nestor (daher auch oft „Nestor-Chronik“ genannt) aus dem 12. Jahrhundert, wurde und wird immer wieder vertrauensvoll zurückgegriffen. Außerdem übersetzte man in Klöstern verschiedene theologische, historische und literarische Werke v.a. aus dem Griechischen.

Im 12. Jahrhundert, in welchem die Rus durch zahlreiche feudale Spaltungen gekennzeichnet war, blieb die Russische Kirche die einzige Verfechterin der Idee der Einheit aller Russen. 1240 fiel Kiew unter dem Ansturm der Goldenen Horde, aber selbst nach der Invasion der Tataren im 13. Jahrhundert änderte sich dieser Einfluß der Kirche nicht. Sie überlebte als wirkliche Kraft und war in der Zeit der Mongolenherrschaft Trost und Stütze für das russische Volk, sie leistete wesentliche geistliche, moralische, aber auch materielle Beiträge für eine Wiederherstellung der politischen Einheit der Rus und den Sieg über die Invasoren. Der hl. Sergij von Radonesch (+1392), ein großer Asket und einer der bedeutendsten Heiligen der Russischen Kirche, gab 1380 dem Moskauer Großfürsten Dimitrij Donskoj seinen Segen für eine Schlacht gegen den Tatarenkhan Mamaj, die als die „Schlacht auf dem Schnepfenfeld“ („Kulikowo Pole“) in die Geschichte einging und den Beginn der Befreiung von der Fremdherrschaft und gleichzeitig der politischen Vereinigung Rußlands darstellt. Später wirkten hervorragende russische Bischöfe als Geistliche und Ratgeber bei den Moskauer Fürsten. Aber auch das Mönchtum stützte diese Einigung; die Klöster spielten nicht nur eine Rolle bei der Bewahrung der russischen Identität unter dem Tatarenjoch, sondern behaupteten sich auch gegen westliche Einflüsse.

Im Verlauf der Befreiung von den Invasoren sammelte sich das russische Land um die Moskauer Großfürsten, gleichzeitig erstarkte die Russische Kirche, so daß im Jahre 1448, nicht lange vor dem Fall Konstantinopels unter den Armeen Mehmet II, erstmals ein russischer Metropolit von den russischen Bischöfen selbst, ohne eine vorheriges Einvernehmen mit Konstantinopel, eingesetzt wurde. Es war der Metropolit Jonas, der von den russischen Bischöfen den Titel eines Metropoliten von Moskau und der ganzen Rus erhielt. Als Begründung für das von Konstantinopel unabhängige Handeln hieß es u.a., daß man sich nicht sicher sei, ob es in Konstantinopel überhaupt noch einen orthodoxen Patriarchen gebe, womit man auf die Union von Ferrara-Florenz (1439) anspielte. Diese stellte eine rein politische (Wieder-)Vereinigung der Römischen und Orthodoxen Kirche mittels Subordination der letzteren unter das päpstliche Primat dar. Sie währte zwar nur kurze Zeit, jedoch war das genau die Zeitspanne, in der Moskau seine Rolle als das „dritte Rom“ übernahm: „Moskau ist das dritte Rom. Zwei Roms sind gefallen, das dritte steht, und ein viertes wird es nimmer geben“ - diese Worte werden dem hl. Elewferij (Eleutherios, ca. 1465-1542), der im Eleasar-Kloster zu Pskow lebte, zugeschrieben. Dies war das Ideal mancher herausragender Persönlichkeiten der Russischen Kirche, u.a. des hl. Josef von Wolokolamsk (1439-1515). Darin drückte sich das Bewußtsein aus, im Erbe der Oikumene, des christlichen Imperiums, zu stehen und dieses zu repräsentieren, nachdem das West- wie das Oströmische Reich gefallen waren. Die auf Erden pilgernde Kirche wird dabei verstanden als Weg zur Erlösung für jeden einzelnen Menschen, also trotz alledem als eine geistliche Instanz, die allerdings vom orthodoxen Imperator (sit venia verbo) auf irdischer Ebene geschützt und gefördert wird. Diese Symphonie zwischen geistlicher und weltlicher Macht findet ihren Ausdruck im byzantinischen Staatswappen, dem doppelköpfigen Adler, welches Rußland aus Byzanz übernahm und bis heute als Staatswappen besitzt.

Die wachsende Autorität der Russischen Orthodoxen Kirche unter den anderen orthodoxen Lokalkirchen führte Ende des 16. Jahrunderts dazu, daß sie zu einem Patriarchat erhoben wurde. 1589 wurde Metropolit Ijow (Hiob) von Moskau der erste russische Patriarch. Die anderen orthodoxen Patriarchen anerkannten den russischen Patriarchen als den fünften der Ehre nach. Diese „Reihenfolge in der Ehre“ richtet sich nach dem Alter und dem Zeitpunkt der Selbständigkeit der jeweiligen orthodoxen Lokalkirche.

Das 17. Jahrhundert, das für Rußland wegen der Invasion der Polen und der Schweden politisch recht schwierig begann, sollte auch für die Russische Kirche in gewisser Weise nicht einfach sein. Zunächst spielte die Kirche, wie auch zuvor, ihre Rolle als vereinende Kraft und Stütze des Volkes im Widerstand gegen die „heterodoxen“ Invasoren. Man denke an die heldenhafte Verteidigung des Dreifaltigkeits-Sergius-Klosters bei Moskau gegen die Schweden und Polen in den Jahren 1608-1610. Martyrien waren nicht selten. Patriarch Germogen (Hermogenes, 1606-1612) etwa, ein von der Kirche später kanonisierter Märtyrer, wurde von den Polen wegen seines patriotischen Wirkens zu Tode gefoltert. Es ist die Eigenheit dieser „byzantinischen“ Mentalität, daß Angriffe auf das Land in der Regel als Angriffe auf die Kirche und die Orthodoxie gelten; auch hier erwies sich Rußland als Erbe Ostroms. Die Kirche lebt, wächst, triumphiert und leidet mit dem Volk.

Als Rußland sich von den fremden Mächten befreit hatte, unternahm die Russische Kirche eine lange fällige Erneuerung ihrer liturgischen Schriften, die über die Jahrhunderte durch das Abschreiben einige Fehler und Differenzen zu den griechischen Originalen enthielten. Es wurden auf Weisung des Patriarchen Nikon (1652-1666) neue Übersetzungen der griechischen Schriften angefertigt; allerdings verstand ein Teil des Klerus und des Kirchenvolks diese Korrekturen als Reform, als Neuerung. Aufgewiegelt durch die Bojaren, die sich gegen eine starke Zentralmacht wehrten (der Patriarch stand traditionell für ein zentralisiertes, vom Zar regiertes Rußland), kam es daraufhin zu einer Spaltung, die gemeinhin unter dem Namen „Altgläubige“[3] bekannt ist. Diese Altgläubigen wurden zunächst vom Zaren, v.a. natürlich aus politischen Gründen, bekämpft. Allerdings gibt es diese Glaubensrichtung heute noch, obwohl sie in eine Vielzahl kleinerer Richtungen zerfallen ist. Ihr Hauptanteil ist aber heute ein Teil der Russischen Orthodoxen Kirche, besitzt allerdings eine eigene kirchliche Hierarchie.

Der Beginn des 18. Jahrhunderts wurde von den radikalen Reformen Peter des I. bestimmt. Diese Reformen gingen auch an der Kirche nicht spurlos vorüber. Als Patriarch Adrian im Jahre 1700 starb, wurde vom Zaren zunächst die Wahl eines neuen Patriarchen ausgesetzt. Bis zum Jahr 1721 war dieses Amt vakant, und wurde dann endgültig abgeschafft und durch eine Art höchstes Hierarchenkollegium ersetzt, das man besser unter der Bezeichnung „Heilige Synode“ kennt. In der Geschichte der Russischen Kirche begann die synodale Periode, die fast 200 Jahre andauern sollte. Allerdings war diese Zeit gekennzeichnet durch aufblühende Aktivität der Kirche in den Bereichen Bildung, Mission, Wohltätigkeit und Theologie. Russische Theologen waren wesentlich an der Entwicklung solcher Wissenschaften wie Geschichte, Philologie und Orientforschung beteiligt. Das 19. und der Beginn des 20. Jahrhunderts brachten so großartige Beispiele russischer Frömmigkeit und Heiligkeit zutage wie den hl. Seraphim von Sarow, den hl. Johannes von Kronstadt und die Starzen von Optina.

Im frühen 20. Jahrhundert begannen die Vorbereitungen für ein All-Russisches Konzil, das aber erst nach der Revolution von 1917 abgehalten wurde. Eine der Hauptaufgaben dieses Konzils war die Wiederherstellung des Patriarchenamtes. In dieses Amt wurde Metropolit Tichon von Moskau gewählt; er war von 1917 bis 1925 Patriarch von Moskau und ganz Rußland und ist inzwischen heiliggesprochen worden.

Für die Bolschewiken, die 1917 an die Macht kamen, war die Orthodoxe Kirche der ideologische Feind Nr. 1. Für die Kirche bedeutete das die schlimmste Zeit ihrer Geschichte: hunderttausende orthodoxe Christen, vom einfachen Mann bis hinauf zur höchsten kirchlichen Hierarchie wurden auf brutalste Weise verfolgt, verschleppt, gefoltert und umgebracht. Die Kirche verlor den Großteil ihrer Hierarchie, ihrer Klöster und Kirchen.

Während der Wirren der Revolution flohen nicht nur Adlige, Intellektuelle und Grundbesitzer aus Rußland, sondern auch viele Geistliche. Diese organisierten sich im Ausland (zuerst in Jugoslawien, später in Amerika) als „Russische Orthodoxe Kirche im Ausland“ mit dem in ihrem Statut aufgenommenen Grundsatz, so lange eine eigenständige kirchliche Organisation zu bilden, wie der Kontakt zur Mutterkirche in der Heimat unmöglich ist.

Zur Zeit des 2. Weltkriegs waren die kirchlichen Strukturen landesweit nahezu vollständig zerstört, es gab nur ein paar Bischöfe, die auf freiem Fuß waren und ihre Pflichten erfüllen konnten, nur ein paar Dutzend Kirchen, in denen noch die Liturgie gefeiert wurde. Stalin freilich besann sich im Verlauf des 2. Weltkriegs auf die „moralische Kraft“ des russischen Volkes, die Kirche, und erlaubte eine Wiederöffnung von Kirchen zur geistlichen und moralischen Unterstützung des leidgeprüften Volkes. Nach dem Krieg, zur Zeit der „Tauwetterperiode“ unter Chruschtschow, gab es freilich wieder neue Repressalien und Kirchenschließungen, wieder „aus ideologischen Gründen“.

Etwa im Jahr der Tausendjahrfeier der Taufe Rußlands (1988) erlangte die Kirche allmählich wieder ihre Freiheit. Seitdem erfährt sie einen steten Zuwachs in fast allen Bereichen, sei es an Gläubigen, Geistlichen, Kirchen, Klöstern usw. Diese neugewonnene Freiheit bedeutet auch, daß die Kirche sich wieder karitativer und missionarischer Arbeit widmen kann.

Glaubenslehre

Historischer Überblick
Glaubenslehre
Glaubenspraxis
Fußnoten

Die Russische Orthodoxe Kirche ist eine Orthodoxe Lokalkirche und hat als solche eine mit der Weltorthodoxie übereinstimmende Glaubenslehre. Das bedeutet, daß man nicht über die spezielle Glaubenslehre der Russischen Kirche sprechen kann, sondern höchstens über die der Orthodoxie allgemein. Die Glaubenslehre z.B. der Russischen, Serbischen, Griechischen Kirchen, die der orthodoxen Patriarchate von Jerusalem, Alexandria, Konstantinopel usw. sind identisch. Es gibt freilich gewisse lokale Verschiedenheiten (Sprache, Chorgesang, nationale Heilige, Architektur- und Kunststil usw.) in der Tradition.

Die Orthodoxe Kirche versteht sich nicht als „Konfession“. Dieser Begriff stammt ja ursprünglich aus dem Kontext des Augsburger Religionsfriedens und suggeriert – nach allgemeinem Verständnis – die Möglichkeit eines gleichberechtigten Nebeneinanders der „Bekenntnisse“. Ein Christ hangt aber – nach orthodoxer Sichtweise – keinem „Bekenntnis“ und keiner „Religion“ an, sondern der Kirche als der Braut Christi, der Kirche als dem mystischen Leib Christi.

Diese eine heilige, katholische und apostolische Kirche ist die Orthodoxe Kirche. Sie ist nicht durch eine Reformation, eine Abtrennung, oder eine Neugründung entstanden, sondern sie ist die Kirche Christi, die über die Jahrhunderte und inzwischen Jahrtausende ihre Identität und Kontinuität bewahrt und den Glauben der Apostel durch keine Neuerung oder Reform kompromittiert hat. Die verschiedenen orthodoxen „Kirchen“ (Plural, also im Sinne von Lokalkirchen) unterscheiden sich in erster Linie durch ihre geographische Lage und die Sprache, sie sind autonom, d.h. jede wählt unabhängig voneinander ihre Patriarchen/Metropoliten und ernennt ihre Bischöfe. Alle Orthodoxen, egal, ob Russen, Griechen oder Bulgaren usw., haben aber den gleichen Glauben, nur voneinander unabhängige kirchliche Hierarchien.

Um auf konkrete Unterschiede in der Glaubenslehre zwischen den bekannten „Konfessionen“ (die römisch-katholische Kirche versteht sich auch nicht als eine „Konfession“) und der Orthodoxie zu kommen, so reicht ein Hinweis auf die Neuerungen, die in der Westkirche nach dem Großen morgenländischen Schisma (1054) bzw. auch davor unilateral eingeführt wurden. Dies sind dogmatische Neuerungen wie die Hinzufügung des „Filioque“ ins Glaubensbekenntnis, welches der Orthodoxie fremd ist, sowie auch Dinge wie die Lehren vom Purgatorium, vom Primat des Papstes von Rom, von der „Unbefleckten Empfängnis Mariens“ usw.

Unterscheidet man die christliche Welt in ihre drei „Hauptrichtungen“ (Orthodoxie, Katholizismus und Protestantismus), so kann man diese Richtungen entsprechend der Epoche charakterisieren, in der sie in ihrer Spezifik entstanden sind. Während der Römische Katholizismus ein „Kind des Mittelalters“ und der Protestantismus eines der Epoche der bürgerlichen Revolutionen, in einigen seiner „moderneren“ Ausprägungen (Baptisten, Pfingstler usw.) gar des säkularen 19. Jahrhunderts ist, ist die Orthodoxie das Christentum der Antike.

Orthodoxe Christen glauben so, wie die Europäer vor mehr als tausend Jahren geglaubt haben. Die Orthodoxie ist der Glaube eines Boëthius, Augustin, Tertullian, des hl. Ambrosius usw. Das 4. Jahrhundert ist das „zentrale Jahrhundert“ in der Geschichte der Orthodoxie – es war die „goldene Epoche des Schrifttums der hll. Väter“, es war das Jahrhundert der Annahme des christlichen (Nicaeno-Konstantinopolitanischen) Glaubensbekenntnisses, die Zeit der Geburt des Mönchtums und der endgültigen Formierung der Struktur des kirchlichen Organismus. Vor der Zeit der Invasion der Barbaren hat es das Christentum geschafft, seine Grundformen zu entwickeln, und diese sind in der Orthodoxie im Wesentlichen bis heute bewahrt worden, und zwar bis zu einem Maße, daß selbst der bedeutende protestantische Kirchenhistoriker Adolf von Harnack (1851-1930) feststellen mußte, daß die Orthodoxie sich seit dem nicht geändert hat:

Ich muß sie auffordern, sofort mit mir um viele Jahrhunderte hinunterzusteigen und die griechische Kirche zu betrachten, wie sie heute ist und wie sie sich schon seit mehr als einem Jahrtausend wesentlich unverändert behauptet. Wir sehen zwischen dem dritten und dem neunzehnten Jahrhundert in der Kirchengeschichte des Orients nirgendwo einen tiefen Einschnitt. (...). Augenscheinlich haben die Völker, welche dieser Kirche angehören, seitdem nichts erlebt, was sie ihnen unerträglich und reformbedürftig erscheinen ließe.[4]

Harnack beschreibt dies in einem eher abwertenden Tonfall, aber selbst er kann sich bei diesem Rätsel der Orthodoxie nur wundern.

Vergleicht man das „Gespräch vom Sinn des christlichen Lebens“ des hl. Serafim von Sarow, eines Heiligen des 19. Jahrhunderts, oder die Sammlung der Homilien des hl. Siluan vom Athos (20. Jh.) mit den Homilien eines hl. Makarios von Ägypten (4. Jh.) oder eines hl. Ignatios Theophoros (2. Jh.), so wird man ein und denselben Geist von den Seiten ihrer Werke wahrnehmen. Ein orthodoxer Nicht-Theologe kann z.B. die Werke eines hl. Johannes Chrysostomos lesen und wird ohne weiteres Hintergrundwissen kaum erahnen können, aus welchem Jahrhundert das vorliegende Werk stammt.

Glaubenspraxis

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Glaubenslehre
Glaubenspraxis
Fußnoten

Die Seele der Orthodoxen Kirche ist der Gottesdienst, die Feier der Liturgie. Die Göttliche Liturgie besteht neben einem eher der Lehre gewidmeten Teil aus dem wichtigsten christlichen Mysterium, dem Sakrament der heiligen Eucharistie, das heißt der Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut unseres Herrn Jesus Christus. Dies bedeutet die Anwesenheit Christi Selbst und das Teilhaben der (kommunizierenden) Gläubigen am Leib Christi. Die Liturgie als Zentrum des geistlichen Lebens eines jeden orthodoxen Christen ist das Wirken des Leibes Christi, die Verklärung der Schöpfung. Die Kirche ist in genau diesem Sinne das „Himmelreich auf Erden“, sie hat durch die Göttliche Liturgie einen gott-menschlichen Charakter.

Die Lehre des Evangeliums, das Christentum, wird als asketisch aufgefaßt:

Mit diesem Begriff [Askese] wird nicht ein Lebensweg vorgezeichnet, und er schließt nicht von sich aus Keuschheit, Fasten oder Einsiedelei ein. Askese, oder geistliche Aufopferung, nennt man ein von Arbeit an sich selbst erfülltes Leben, dessen Ziel die Vernichtung seiner Leidenschaften ist: Wollust, Ehrgeiz, Bosheit, Neid, Völlerei, Faulheit usw., und die Erfüllung der Seele mit dem Geist der Keuschheit, der Demut, der Geduld und der Liebe, welche niemals eine alleinstehende Tugend, sondern nur die Begleiterin und Vollführerin der aufgeführten Eigenschaften der Seele ist. Natürlich wird ein Christ, der seinen Weg gehen will, selbst einsehen, daß er sich von der weltlichen Zerstreuung abwenden, den Körper demütigen, viel zu Gott beten muß - aber diese Aufopferungen haben keinerlei endgültigen Wert in den Augen Gottes, sondern bekommen diesen nur für uns selbst als Bedingung für das Erlangen geistlicher Gaben. Einen viel größeren Wert haben geistliche Aufopferungen, welche im Bewußtsein des Menschen ablaufen: Selbsttadel, Selbsterniedrigung, Selbstwiderstand, Selbstnötigung, Selbstprüfung, Vorhaltung des Lebens im Jenseits, Kontrolle über die Gefühle, Kampf mit schlechten Gedanken, Reue und Beichte, Zorn auf die Sünde und die Versuchung und so weiter - all die Übungen, die unseren modernen und gebildeten Menschen so fremd sind und jedem einfachen Dörfler, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart, so klar vor Augen stehen. Genau dies ist das geistliche Alphabet, von welchem Bischof Tichon [von Zadonsk, +1783, heiliggesprochen] spricht [5], und genau darin besteht der essentielle Gehalt des wahren Christentums als Aufopferung des Lebens, ein Gehalt, der ... im Zentrum orthodoxer theologischer Literatur steht, welche die ganze Göttliche Offenbarung, alle biblischen Ereignisse und Parabeln in erster Linie in Hinsicht auf deren Anwendung beim stufenweisen Erreichen geistlicher Vollkommenheit interpretiert.

Durch Seine Inkarnation, Seine Demütigung und Sein Leiden für unsere Sünden brachte uns der Erlöser durch Seine Person und Gemeinschaft mit Ihm die Möglichkeit eben dieser geistlichen Betätigung, und in diesem erschließt sich unser Weg zur Erlösung. Die einen gehen diesen Weg freiwillig und bewußt (Phil. 2, 12), indem sie ein geistliches Leben verbringen, andere leben es fast gegen ihren Willen, ändern sich durch die von Gott gesandten Leiden und die kirchliche Disziplin, wieder andere reinigen erst kurz vor ihrem Tod ihre Zerstreuung durch Beichte und erlangen Erleuchtung im Jenseits; das Wesen der christlichen Aufopferung besteht jedoch in der Askese, in der Arbeit an der eigenen Seele; darin auch besteht das Wesen der christlichen Theologie. (...) Das Christentum [ist] eine asketische Religion..., das Christentum [ist] die Lehre von der schrittweisen Abstoßung der Leidenschaften, über die Mittel und Bedingungen allmählicher Erlangung von Tugendhaftigkeit ...; diese Bedingungen sind einerseits innere, bestehend aus Aufopferung, andererseits von außen kommende, bestehend aus unseren dogmatischen Grundsätzen und gnadenerfüllten Mysterien, die alle die eine Bestimmung haben: nämlich die menschliche Sündhaftigkeit zu heilen und uns zur Vollkommenheit empor zu führen.[6]

Mit diesen Worten formuliert Metropolit Antonij das Wesen der orthodoxen Glaubenspraxis: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Lev. 19:2 / Matth. 5:48). Die Orthodoxie ist der Weg, diese Vollkommenheit zu erlangen; es ist kein „Trick“ oder „Training“, sondern es ist die lebendige Gemeinschaft mit Gott, der diese Vollkommenheit durch Seine Gegenwart möglich macht.

„Orthodoxie“ bedeutet, richtig übersetzt, „die rechte Art des Lobpreises“. Die Lobpreisung ist eine Form des Gebets, und zwar die „höchste“ (nach der Bitte und dem Dank). Orthodoxie, Lobpreisung, setzt den rechten Glauben und ein gerechtes Leben voraus.


 

Fußnoten

[1] Gemeint ist der hl. Konstantin (Kyrill), dessen Beiname “der Philosoph” ist.

[2] s. “Nestor-Chronik”.

[3] Zur eher euphemistischen Bezeichnung “Altgläubige” äußerte sich seinerzeit der hl. Bischof Feofan der Klausner (1815-1894):

Sie reden die ganze Zeit, sie besäßen die Überlieferung der hll. Väter. -- Was für hll. Väter? -- alles das sind neue Erfindungen. - Die Überlieferung der hll. Väter wird in der Orthodoxen Kirche bewahrt. Wir erbten diese Lehre von der heiligen Orthodoxen Griechischen Kirche und all die geheiligten Bücher sind von ihnen zu uns gelangt. Die Bücher waren in grauer Vorzeit exakt so beschaffen, wie sie heute bei uns beschaffen sind. Doch im Verlauf von 100 oder 150 Jahren, vor dem seligen Patriarchen Nikon, und vor dem höchst frommen Zaren Alexej Michailowitsch, haben unerfahrene Kopisten sie verdorben, und sie im Verlaufe dieser Zeit auch weiter verdorben, und letztlich war es soweit, daß es nicht mehr weiterging. -- Diese Fehler, welche in die Bücher eingeführt wurden, waren es, die – ohne Ausnahme – die eigentlichen Neuerungen darstellten. Als sie dann korrigiert wurden und die Bücher wieder die Gestalt annahmen, die sie früher hatten – hieß das etwa, daß man eine Neuerung eingeführt hatte? Nicht eine Neuerung führte man ein, sondern man stellte den Urzustand wieder her. In unseren Büchern ist nun alles so, wie in den griechischen, und wie in unseren eigenen alten Büchern der Zeit des apostelgleichen Fürsten Wladimir. Gehe, wer will, und schaue, in der Bibliothek des Patriarchats in Moskau, in die alten Bücher – überzeugt euch. -- Es sieht also so aus, daß wir die alten Bücher haben, und nicht die Spalter, und die Überlieferung der hll. Väter ist bei uns, und nicht bei ihnen. Bei ihnen aber sind all die Neuerungen – neue Bücher und eine neue Überlieferung.

(Hl. Bischof Feofan der Klausner, “Die Spaltung ist keine alte Überlieferung, sondern eine Neuerung” in: “Über die Orthodoxie, mit einer Warnung vor ihr widersprechenden Fehlern”

[4] A. v. Harnack, “Das Wesen des Christentums”, Zwölfte Vorlesung. "Die christliche Religion im griechischen Katholizismus."

[5] Zitat:

Zwei Arten gebildeter und weiser Menschen gibt es: die einen lernen in Schulen aus Büchern, und viele von ihnen sind weniger klug als einfache und ungebildete Leute, da sie das christliche Alphabet nicht kennen; sie schärfen ihren Verstand, korrigieren und verschönern Worte, ihr Herz aber wollen sie nicht verändern. Die anderen lernen im Gebet mit Demut und Beharrlichkeit und werden vom Heiligen Geist erleuchtet und werden weiser als alle Philosophen dieser Zeit; sie sind fromm und heilig, sind gottgefällig; sie kennen zwar das Alphabet nicht, verstehen aber alles sehr gut; sie sprechen einfach und grob, aber sie leben wunderbar und wohl. Diesen, o Christ, tue es gleich.[6]

Antonij (Chrapovizkij), Metropolit von Kiew und Halych, später Ersthierarch der Russischen Orthodoxen Auslandskirche (1863-1936), “Der Unterschied zwischen der Orthodoxie und westlichen Konfessionen”