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Der hl. Gregorios Palamas und der byzantinische Hesychasmus

1. Der Begriff des Hesychasmus in der Geschichte

Der Begriff «Hesychasmus» geht auf das griechische Wort Hesychia (ησυχία) zurück, welches soviel bedeutet wie «Schweigen», «innerer Friede», «Losgelöstheit», das heißt, es bedeutet ein Ideal einer zurückgezogenen und asketischen Konzentration. Dieser Begriff wird im Slawischen im Allgemeinen als «безмолвие»[1] wiedergegeben.

In der frühchristlichen Epoche bedeutete Hesychasmus ganz allgemein das Eremitentum – die einsame Askese eines Eremiten. Ein Hesychast ist genau genommen ein Schweiger. Die Lehre vom Schweigen und vom «Gebet des Geistes», d.h. die Lehre des Hesychasmus, geht zurück auf die frühesten Väter der Christenheit, zum Beispiel auf den hl. Antonios den Großen (3. Jh.), den hl. Makarios den Großen (4. Jh.), den hl. Johannes Klimakos (6. Jh.) usw. Der hl. Antonios lehrt in seinen «Vorschriften für das Einsiedlerleben»:

Eine vorzügliche Sache ist es, das Schweigen zu bewahren, womit man den Herrn nachahmt, Welcher, ungeachtet des Rangs des Herodes, das Schweigen beibehielt.[2]

Der hl. Johannes Klimakos, Abt auf dem Berg Sinai im 6.-7. Jh., einer der am besten bekannten Lehrer orthodoxer Askese, lehrte:

Ein Hesychast ist jemand, der mit allen Kräften versucht, das Körperlose in das Haus seines Körpers einzuführen ... möge das Gedächtnis an Jesus sich mit deinem Atem verbinden, und so wirst du den Nutzen der Hesychia [des Schweigens] erfahren.[3]

Aber der wahre geistliche Vater der athonitischen Hesychasten ist der hl. Simeon der Neue Theologe (+1022), ein genialer Mystiker an der Schwelle des ersten zum zweiten Jahrtausend, welcher in seiner Lehre klar gezeigt hat, daß das höchste Ziel der Askese die Erfahrung des Göttlichen Lichts ist. Die Hauptbestimmung des menschlichen Lebens ist nach ihm die moralische Erleuchtung auf dem Wege der Einkehr in sich selbst und geistlicher Konzentration.

Später, im 13.-14. Jahrhundert, ist der Begriff des Hesychasmus eng verbunden mit den psychosomatischen[4] Methoden der Ausübung des Jesusgebets, das heißt, er verweist nicht so sehr auf das Eremitentum, sondern auf eine bestimmte Schule des geistlichen Lebens, welche auch in koinobitischen Klöstern oder in der Welt auftreten kann.

In der zeitgenössischen Literatur nun wird die Theologie des hl. Gregorios Palamas, das heißt, seine Lehre über die ungeschaffenen Energien, als Hesychasmus bezeichnet, obwohl Palamas selbst darin nur die Theologie der hll. Kirchenväter über die Beziehungen Gottes zur geschaffenen Welt sah.

Auf diese Weise kann man sich fragen, warum die mit dem Hesychasmus verbundenen Streitigkeiten sich auf einer Person konzentrieren – auf dem hl. Gregorios Palamas. Es gab keine Angriffe auf die hierüber erwähnten Eremiten und alten Kirchenlehrer. Es gab auch keine Angriffe auf den hl. Gregorios, den Sinaiten – einen Zeitgenossen des hl. Gregorios Palamas, der eine umfassende Lehre des Hesychasmus in seinen «150 Kapiteln» kurz vor dem hl. Palamas niederschrieb.

Das lag wohl daran, daß der Hesychasmus, wie gezeigt wurde, keine Neuerung für das 14. Jahrhundert war, jedoch wurde er plötzlich gewissermaßen von den Ideologen des Humanismus, der Renaissance und der Scholastik in der Ostkirche als Ziel für ihre Tätigkeit «entdeckt», zunächst durch seinen bekanntesten Kritiker – den kalabrischen Mönch Barlaam. Und wie bei allen Lehren, die der heiligen Kirche Christi fremd sind, bestand erst im Augenblick ihres Auftauchens der Bedarf nach einer konziliaren Klärung: in den Tomoi von 1341 und der nachfolgenden Jahre hat die Kirche mit Bestimmtheit festgestellt, daß der Hesychasmus eine Lehre der kirchlichen Tradition ist, welche sich in Übereinstimmung mit der monastischen Erfahrung aller vorangegangenen Jahrhunderte befindet; der Humanismus dagegen ist ein säkularer Geist, welcher der Kirche und ihrer heiligen Überlieferung fremd ist.

 

Ein kurzer Überblick über die byzantinische Theologie, Kultur und Gesellschaft bis zur Zeit des hl. Gregorios Palamas

Der Begriff «byzantinische Kultur» ist eine bekannte Bezeichnung jener bestimmten Formen der Staatsführung, Wissenschaft, Kunst und Kirchlichkeit, welche sich im Oströmischen Reich im Verlauf von vielen Jahrhunderten ab dem 4. Jahrhundert heranbildeten, jenes Jahrhundert, das den Beginn des öffentlichen Auftretens der Kirche markiert. Seit dem 4. Jahrhundert begann die Kirche, die Gesellschaft allmählich zu verklären, indem sie ihr bestimmte moralische, religiöse und weltanschauliche Werte eingab. Zum 8. Jahrhundert, der Zeit der ikonoklastischen Unruhen, kann man schon von einer allgemeinen «Kirchlichkeit» sprechen, d.h. einem generellen Interesse aller Gesellschaftsschichten an kirchlichen Themen. Das Staatswappen von Byzanz, der doppelköpfige Adler, der die Symphonie von weltlicher und geistlicher Macht in einem Staatsorganismus bedeutet, versinnbildlicht damit den ganzen Gehalt der byzantinischen Zivilisation.

Was stellte diese Zivilisation dar? Als die Kontakte zwischen Christentum und der heidnischen Kultur begannen, so schien es, daß es zwischen diesen beiden niemals einen Kompromiß geben kann: entweder muß das Heidentum mit all seinen Errungenschaften verschwinden, oder die Kirche Christi wird auch fürderhin verfolgt sein wie in den ersten drei Jahrhunderten ihrer Existenz. Tatsächlich gab es Tendenzen der einen wie der anderen Richtung: im Jahre 529 zum Beispiel befahl Imperator Justinian I die Akademie in Athen und andere heidnische Schulen als «Brutstätten von Häresiearchen» zu schließen; für die entgegengesetzte Richtung reicht es, an Imperator Julian den Apostaten (Imperator von 361 bis 363) und sein Verhältnis zu Kirche und christlicher Religion zu denken. Allerdings hat die Geschichte mit der Zeit anders entschieden. Indem sie den Worten des hl. Apostels Paulus folgte, welcher sagte, „prüft aber alles, und das Gute behaltet“ (1 Thess. 5:21), hat die Kirche in den Personen ihrer großen Glaubensväter und Heiligen begonnen, sich die Früchte der menschlichen Betätigung anzueignen, welche bis dahin als Produkte der heidnischen Kultur galten. Gerade zum Schutz vor Häresien heidnischen Ursprungs zum Beispiel bedurfte es der Sprache der Philosophie, wie man an den «trinitarischen» Streitigkeiten des 4. Jahrhunderts sehen kann, wo es notwendig wurde, eine deutliche Unterscheidung der Begriffe «Wesen» und «Hypostase» [im Göttlichen] zu postulieren. Natürlich begann die Kirche nicht einfach «heidnisch» zu reden, sondern sie verklärte jenes Gute, das sie in der bis dato heidnischen Welt vorfand, in ein Werkzeug zum Dienst an Christus.

Die Kirche nahm also die guten Früchte des Heidentums auf und krönte sie: man muß festhalten, daß diese Krönung nicht einfach ein Hinzutun oder ein neuer Anstrich war, sondern eine wesentliche qualitative Veränderung, ähnlich wie im Falle des Altars auf dem Areopag in Athen, der dem «unbekannten Gott» geweiht war, wo erst die Predigt des Apostels Paulus (s. Apg. 17:22f) endlich die menschliche Suche nach Gott beendet, deren Errungenschaften der Apostel eindeutig nicht verwirft (sondern, ganz im Gegenteil, die Athener lobt, indem er sie als «gottesfürchtig» bezeichnet), sie aber aufnimmt und mit wahrer Gotterkenntnis krönt.

Die Kirche hat auf diese Weise alles Beste aus der alten Welt aufgenommen. Allmählich bildete sich eine christlich-griechisch-östliche Kultur, welche letzten Endes eben als byzantinische Kultur bezeichnet wurde. Man muß anmerken, daß die Kirche in allen Zeiten sehr genau darauf achtete, daß die Aneignung des «Nützlichen» aus der nichtchristlichen Welt nicht mißbraucht, d.h. zur Häresie, wurde: ungeachtet der beschriebenen Synthese gab es bei den Byzantinern die Überzeugung, daß man „Athen niemals mit Jerusalem vereinbaren kann. Als gestrenge Wächter traten in dieser Hinsicht führende Vertreter des Mönchtums auf, welche sich vehement gegen die «weltliche Weisheit» verwehrten“[5]. Erzpriester Johannes schließt weiter über den Erfolg dieser Wächter:

Das seiner Sprache und Kultur nach griechische Byzanz nahm auf diese Art gegenüber der griechischen Philosophie eine viel ablehnendere Haltung ein, als der Westen das jemals getan hat. Im Vorfeld jener historischen Periode, in welcher der Westen sich der Philosophie der Antike zuwandte und so in die große Epoche der Scholastik eintrat, hat die Byzantinische Kirche jeglichen Gedanken über eine neue Synthese des griechischen Geistes mit dem Christentum abgelehnt, womit sie nur jener Synthese treu blieb, die in der patristischen Periode erreicht wurde.[6]

Dieser Unterschied zwischen der Byzantinischen und der Westkirche liegt auch im Grunde der Problematik, die in dieser Arbeit besprochen wird.

Nach der Katastrophe von 1204, als Byzanz der Barbarei der Kreuzfahrer ausgeliefert war, beginnt die Zeit eines allmählichen politischen und ökonomischen Verfalls des Imperiums, aber interessant ist der Umstand, daß dieser allmähliche Verfall von einer Blütezeit der Kunst begleitet wird, was bei den Historikern im allgemeine als «paläologische Renaissance» bezeichnet wird[7]. Im Gegensatz zur weltlichen Kunst jedoch charakterisiert Vr. Oleg Klimkow in seiner Arbeit diese Periode als «Zeit der Stagnation» des theologischen Denkens: die Kirche hat in den damals schon antiken «patristischen» Zeiten das eine oder andere Instrument der Philosophie assimiliert und hat es sich darauf bewenden lassen; im «Synodikon des Sonntags der Orthodoxie», welcher im Jahre 843 nach dem endgültigen Sieg über dem Ikonoklasmus erstellt und später erweitert wurde, werden die antiken griechischen Philosophen verurteilt (Anathema Nr. 5). Man machte allerdings einen Unterschied zwischen denen, die sich der Belehrung wegen den «hellenischen Erforschungen» hingaben und solchen, welche die «törichten Meinungen» der Philosophen teilten (Anathema Nr. 7).

So seltsam das sein mag, es war die Westkirche, in der der Hellenismus unterkam und als säkularer Humanismus und Scholastik auferstand. Der Begründer der Scholastik, der hl. Thomas von Aquin, hatte mit seinen Werken auch einen nicht unerheblichen Einfluß auf intellektuelle Kreise in Byzanz. Seine «Summa theologiae» und «Summa contra Gentiles» wurden in der Ostkirche dank den Bemühungen des Johannes Kantakouzenos[8] und seines Zirkels verbreitet, welcher sich damit beschäftigte, lateinische Schriften ins Griechische zu übertragen. Die Begeisterung an den Werken des hl. Thomas war so groß, daß man sogar von einem «Thomismus» sprechen muß – einer Bewegung von Intellektuellen in Byzanz, welche im wesentlichen antipalamitisch war, nicht selten Parteigänger der Union mit Rom hervorbrachte oder ihre Anhänger einfach nur veranlaßte, zur Römischen Kirche überzutreten, wie man das am Beispiel der Demetrios Kydones[9] sieht. Interessant ist aber etwas anderes: die Ostkirche konnte die Werke des Aquinaten und anderer Scholastiker aufnehmen und in den Diensten der Orthodoxie gebrauchen. So hat Kantakouzenos selbst mehrere antiislamische Schriften auf Grundlage der von Kydones übersetzten scholastischen Literatur herausgegeben, und der Vorgänger des hl. Gregorios Palamas auf der Kathedra des Erzbischofs von Thessalonike, Neilos Kabasilas (+1363),

...äußerte eine leidenschaftliche Begeisterung über die Bücher des Thomas. Neilos Kabasilas wurde unter den Griechen der erste Schriftsteller, der nicht nur eine Fülle an Wissen über die lateinische Theologie besaß, sondern der dieses Wissen auch in seinen Schriften zugunsten des Palamismus und wider das „Filioque“ zu gebrauchen wußte. Das gleiche ... gilt auch für Josephos Vrennios (+1439), einen „erleuchteten Lehrer“, welcher der lateinischen Sprache mächtig war, der Gesandter auf dem Konzil zu Konstanz gewesen ist und trotz alledem ein erbitterter Gegner jeglicher doktrinaler Kompromisse mit den Lateinern war. Noch ein thomistischer Palamit, Georgios-Gennadios Scholarios, wirkte in Florenz, bevor er der erste Patriarch unter dem Joch der türkischen Eroberer wurde.[10]

Hierhin gehört ebenso Nikolaos Kabasilas, der Neffe des erwähnten Neilos. Dieser gehörte auch zum „Zirkel des Kantakouzenos“, und über seine Werke schließt Erzpriester Johannes Meyendorff so: „Um die theologischen Errungenschaften des 14. Jahrhunderts zu verstehen, sollte man Palamas und Kabasilas parallel lesen.“[11]

Auf diese Weise reifte in der Kirche allmählich eine Situation heran, die ihrem Charakter nach an die Zeit der triadologischen und christologischen Auseinandersetzungen des 4. Jahrhunderts erinnerte: das Heidentum nahm eine neue Gestalt an und forderte die Orthodoxie heraus. Der hl. Gregorios Palamas sollte nun „die nächste, und letzte große Gestalt der byzantinischen Theologie“[12] werden, der es gelingen sollte, eine Theologie zu formulieren, die einerseits „die Schwachstellen der byzantinischen theologischen Bildung, genauer gesagt ... die fehlende Verbindung zwischen Theologie und Philosophie“[13] überwand, andererseits aber fest in der kirchlichen Überlieferung und dem Geist der Orthodoxie verwurzelt war, aus welchem der Hellenismus die Theologie des Westens herausriß.

 

Der hl. Gregorios Palamas – eine kurze Lebensbeschreibung[14]

Der hl. Gregorios Palamas wurde im Jahre 1296 in Kleinasien geboren; während eines Überfalls durch die Türken floh seine Familie nach Konstantinopel. Dort bekam er eine hervorragende Bildung am kaiserlichen Hof: der Imperator Andronikos II Palaiologos selbst nahm sich der Ausbildung und Erziehung des Jungen an, nachdem im Jahre 1303 Gregorios' Vater Konstantin gestorben war. Der Imperator wünschte, daß der Junge sich dem Staatsdienst widmen würde, doch Gregorios, kaum 20 Jahre alt geworden, begab sich im Jahre 1316 auf den Athos und trat als Novize ins Kloster Vatopedi ein, wo er unter der Anleitung eines alten Mönchs, des hl. Nikodemos von Vatopedi, die Mönchstonsur erhielt und den Weg der Askese einschlug. Nach drei Jahren unter der Anleitung des hl. Nikodemos setzt der künftige Erzbischof seine Askese in der Lawra des hl. Athanasios fort, später in der Einsiedelei Glossia, wo er eine lange Zeit in fortwährendem Gebet, Tränen, Fasten und Wachen verbrachte. Der Einfall der Türken veranlaßte ihn, wie viele andere Asketen der damaligen Zeit (unter ihnen der hl. Gregor der Sinait) den Athos zu verlassen.

In Thessalonike wurde er zum Priester geweiht. In einer Einsiedelei auf einem Berg nahe Verria[15] setzte er seine Askese als Einsiedler fort, traf sich mit seinen Mönchsbrüdern nur einmal in der Woche. Damals, im Jahre 1326, war er 30 Jahre alt, und er konnte sich nicht über einen Mangel an guter Gesundheit und körperlicher Kräfte beklagen. Nach 5 Jahren verließ er die Einsiedelei, kehrte auf den Athos zurück und ließ sich in der Einsiedelei des hl. Sabbas nieder. Gegen 1334 beginnt er, seine Werke zu schreiben.

Später, gegen 1335-36, wird Gregor zum Abt des Klosters Esphigemenou gewählt. Allerdings verläßt er dieses Kloster alsbald und kehrt in die Einsiedelei des hl. Sabbas zurück. Nun tritt er in die Zeit seines Lebens ein, in welcher der Streit mit seinen Gegnern Barlaam und Akyndinos beginnt.

Barlaam und seine Anhänger wurden vom Konzil im Juli 1341, das in der Hagia Sophia in Konstantinopel stattfand, verurteilt. Allerdings wurde später aufgrund von Intrigen der Verurteilten ein neues Konzil einberufen, auf welchem die erst Verurteilten sich durchzusetzen vermochten, Gregorios aber wurde eingekerkert. Nach seiner Befreiung wird er auf die Kathedra von Thessalonike geweiht. Die Gläubigen dieser Diözese aber lehnen ihn ab, und er kehrt auf den Athos zurück. Hier bittet der serbische König Stefan Dušan[16] ihn vergeblich, die Kathedra des bulgarischen Metropoliten einzunehmen. Doch auch auf dem Athos fand er keine Ruhe. Gregorios kehrt nach Konstantinopel zurück und läßt sich auf der Insel Lemnos nieder. Endlich rufen ihn die Gläubigen in Thessalonike zu sich und empfangen ihn mit großen Ehren. Noch einmal war es Gregorios beschieden, ein schweres Los zu ertragen: er wurde von den Türken gefangen genommen und später von den Bulgaren freigekauft. Es sind nicht wenige Wunder überliefert, die auf die Gebete des hl. Gregorios in dessen letzten 3 Lebensjahren passierten; am 14. November 1359 starb er im Alter von 63 Jahren, nachdem er 12 Jahre Bischof gewesen ist.

 

Barlaam von Kalabrien als Vertreter des säkularen Humanismus[17]

Barlaam, ein «Mönch und Philosoph», kam ungefähr 1330 nach Konstantinopel. Er stammte aus Kalabrien und war seiner Sprache und Bildung nach Grieche, allerdings erfüllt vom Geist der italienischen Renaissance. Gleichzeitig war er der Orthodoxie, dem Glauben seiner Väter, treu. In der Kaiserstadt wird er zunächst ein Schützling des Johannes Kantakouzenos, welcher ihm die Möglichkeit verschafft, sich einer Lehrertätigkeit zu widmen. Darin war Barlaam sehr erfolgreich, sein Ruhm wuchs ziemlich schnell. Seine Schriften zu den verschiedensten Wissenschaften genossen eine große Nachfrage selbst dann noch, als er seine Konfrontation mit dem Mönchtum hatte und darin unterlag.

Im Allgemeinen wird Barlaam von seinen Zeitgenossen als ein stolzer und hochmütiger Mensch beschrieben. Diese seine Eigenschaft gestattete es ihm nicht, mit seinen «Kollegen», den byzantinischen Humanisten in Konstantinopel, zurechtzukommen. „Palamiten und Antipalamiten gleichermaßen verlachen seine überhebliche Art und Weise“[18]. Sein Konflikt mit dem Mönchtum fand auf zwei Ebenen statt: auf theologischer und asketischer Ebene.

Die theologische Meinung Barlaams

Als ein treuer Sohn der Orthodoxie schuf Barlaam Schriften gegen die Lateiner, wo er in der Frage des Ausgehens des Heiligen Geistes das vorgeblich apophatische Argument benutzte, „da Gott nicht zu erfassen ist, sollten die Lateiner ihre Versuche aufgeben, die Richtigkeit ihrer Lehre über das Ausgehen des Heiligen Geistes zu beweisen... So führte der nominalistische Agnostizismus Barlaams zu einem Relativismus in der Glaubenslehre“[19].

Im Jahre 1339 begab sich Barlaam als Bote des Imperators (ohne ein Mandat der Kirche) nach Avignon, um Papst Benedikt XII ein Unionsprojekt zu unterbreiten, das auf solchen relativistischen Grundlagen beruhte. Doch auch dort war man nicht geneigt, ihn anzuhören, und seine Mission brachte keinerlei Nutzen. Der Papst forderte die vollkommene Unterwerfung der Ostkirche und duldete keinen Kompromiß, egal wie dieser aussähe.

Außerdem lehrte Barlaam auf dieser Grundlage, daß das Thaborlicht, also die Energien Gottes, geschaffen sind, denn Gott Selbst ist ja nicht zu erfassen und teilt Sich Selbst nicht den Geschöpfen mit.

Barlaams Kritik an der Gebetsmethode der Hesychasten

In Thessalonike lernte Barlaam einige Formen der monastischen Askese kennen; als er die Meinung hörte, daß der menschliche Körper fähig sei, am Gebet teilzunehmen und das Wirken der göttlichen Gnade zu spüren, veranlaßte ihn das zur Empörung und dazu, eine Beschwerde über die Mönche an den Patriarchen zu richten. Der Patriarch lehnte diese Beschwerde ab und gebot Barlaam, seine Tätigkeit gegen die Mönche einzustellen, allerdings leistete dieser keinen Gehorsam.

Gleichzeitig zu diesen seinen Ansichten „bezeichnet Barlaam die heidnischen Philosophen als «von Gott erleuchtet», das heißt, er erniedrigt die Gnade Gottes zu einer natürlichen Gabe und verringert damit ihre Bedeutung“[20].

Gegen eine solche Lehre schreibt der hl. Gregorios Palamas mehrere Traktate, in welchen „sich bereits die neue Konfrontation abzeichnet, die Barlaam den Hesychasten Thessalonikes gegenüberstellt“[21]. Außerdem wird vom hl. Gregorios nach der Rückkehr Barlaams aus Italien mit Unterstützung der höchsten monastischen Autoritäten des Athos ein sogenannter «Tomos des heiligen Berges» herausgegeben, der die Lehren Barlaams unwiderruflich verurteilt.

Gregorios Akyndinos, der ein Freund und in der Vergangenheit ein Schüler des hl. Gregorios Palamas war, versuchte im Verlauf des gesamten Konflikts, die Rolle des Schlichters zu übernehmen. Er versuchte, das Temperament Barlaams in theologischen Fragen zu zügeln, obwohl er offenbar dessen Meinung teilte, was aber die Attacken Barlaams auf die Mönche angeht, verteidigte er die letzteren sogar.

Da Barlaam dem Patriarchen und dem Hl. Synod keinen Gehorsam leistete, auch nicht wenigstens auf die Schlichtungsversuche Akyndinos' reagierte, sondern weiterhin die Verurteilung Palamas' forderte, wurde im Jahre 1341 das erste Konzil zur Frage des Hesychasmus einberufen.

 

Die Konzilien der Kirche zum Hesychasmus

Das Konzil im Juli 1341

Patriarch Johannes Kalekas beabsichtigte, dieses Konzil ausschließlich zu Disziplinarfragen zu führen; deshalb wurde die anklagende Rede Barlaams, sobald die Glaubenslehre (und genau genommen die Frage über die Energien) ansprach, abgebrochen. Besprochen wurde die Beschwerde Barlaams und seine Traktate gegen Palamas, und hier wurde aus dem Kläger ein Angeklagter. Seine Lehre darüber, daß das Thaborlicht geschaffen sei, wurde ebenso verurteilt wie seine Kritik des Jesusgebets, welches, seines Ansicht nach, angeblich die Praktiken der Bogumilen[22] in die Kirche einführt. Der Gönner Barlaams, Kantakouzenos, riet ihm, seinen Irrtum einzugestehen, und der hl. Gregorios Palamas vergab Barlaam sehr gern. Auf diese Weise sprach die Kirche ihr Urteil über den «nominalistischen Humanismus»[23] Barlaams. Barlaam selbst aber verließ nach einem mißglückten Versuch, seine Anschuldigungen zu erneuern, Konstantinopel und kehrt nach Italien zurück. Ein paar Jahre später wurde er vom Papst als Bischof einer griechischen Uniertendiözese eingesetzt.

Das Konzil im August 1341

Der Grund für die Einberufung dieses Konzils war Gregorios Akyndinos, der mit Barlaam zwar nicht einverstanden war, was dessen Kritik der monastischen Askese und der Art und Weise des Gebts anbetrifft, der aber Barlaams theologische Meinungen teilte. Seine Position wird von Erzpriester Johannes Meyendorff als „Schwanken zwischen dem Nominalismus Barlaams und einer eigenartigen Form des Realismus, die er Palamas und der ganzen Tradition der hll. Väter“ entgegenstellte, bezeichnet.

In ihrem Streit stießen zwei Arten Hüter [des Glaubens – R.B.] zusammen: eine Buchstabentreue, welche die Formulierungen der hll. Väter wörtlich wiederholte, und der echte Geist der Überlieferung, der es erstrebte, die lebendige Erfahrung der hll. Väter wiederzugeben, welche dem ökumenischen Leben der Kirche immer zugänglich war.[24]

Das Konzil im August 1341 verurteilte Akyndinos und verlangte von ihm, eine Erklärung zu unterzeichnen, in welcher er verkündete, daß er die Regelungen des Julikonzils annahm und Barlaams Lehre über das Licht ablehnt.

Die Konzilien des Jahres 1351

Eine gewisse Zeit vor diesen neuerlichen Konzilien begann ein gewisser Philosoph und Historiker namens Nikephoros Gregoras auf die Betreiben der Kaiserinmutter Anna von Savoyen Schriften gegen Palamas zu verfassen. Palamas, inzwischen schon Erzbischof von Thessalonike, begab sich nach Konstantinopel und begann Gespräche zu kanonischen und theologischen Fragen mit ihm. Trotzdem wurde ein neues Konzil einberufen, das von seiner Zusammensetzung weit zahlreicher und feierlicher war als die vorangegangenen Konzilien des 14. Jahrhunderts: es nahmen 25 Metropoliten und 6 Bischöfe teil, Vertreter für 3 Abwesende und die «Opposition», der Senat in vollem Bestand; Johannes Kantakouzenos stand dem Konzil vor.

Das Konzil hatte mehrere Sitzungen von Mai-Juni bis August 1351. Auf diesem Konzil stellte Gregorios Palamas seine genaue Darlegung des Orthodoxen Glaubens dar, was vom Konzil angenommen und als «in allem orthodox» bezeichnet wurde. Der Tomos des Konzils von 1351 wurde von der Fülle der Orthodoxen Kirchen angenommen, deswegen wird dieses Konzil mit vollem Recht mitunter auch als „zusätzliches Ökumenisches“ bezeichnet. Im Tomos werden all jene von der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen, die die Lehre des hl. Gregorios Palamas für nicht orthodox halten.

Das Konzil von 1351 war das feierlichste Ereignis, mit dem die Orthodoxe Kirche die Lehre des hl. Gregorios Palamas bestätigte. Genau genommen war das kein Ökumenisches Konzil, sondern ein Bischofskonzil des Patriarchats von Konstantinopel; nichtsdestoweniger wurden seine Beschlüsse im Verlauf des 14. Jahrhunderts von der gesamten Ostkirche angenommen.[25]

 

Schluss: der historische Aspekt des Triumphes des Hesychasmus

Durch die Konzilien des 14. Jahrhunderts und den Triumph des Hesychasmus hat die Kirche Christi einer neuerlichen Herausforderung des Heidentums, das inzwischen eine neue Form – den säkularen Humanismus – angenommen hatte, mit Bestimmtheit entgegentreten können. Die Kirche bestätigte, daß Gott Selbst in der Geschichte des von Ihm geliebten Menschen teilnimmt, und dies nicht nur vermittels geschaffener Elemente, sondern mit Seiner ungeschaffenen Gnade selbst. „Genau diese Offenbarung verteidigte der hl. Gregorios Palamas, indem er gegen den nominalistischen Agnostizismus auftrat, welchen Barlaam von Kalabrien aus Italien mitbrachte.“[26] Dazu benötigte die Kirche, wie schon zuvor im 4. Jahrhundert bei den Herausforderungen durch die Arianer, Sabellianer usw. ein gewisses Instrumentarium aus dem Bereich der Philosophie. Wie einst durch die genialen Kappadokier, so hat die Kirche dies im 14. Jahrhundert in der Person des hl. Gregorios Palamas erreicht, ohne in den heidnischen Ideologien verloren zu gehen, sondern ihnen ganz im Gegensatz eine endgültige Abfuhr zu erteilen. Das 14. Jahrhundert mit seinen Konzilien kann man mit Recht als eines der wichtigsten Zeitalter im historischen Triumph der Orthodoxie betrachten.

Der letzte offizielle Akt, mit dem die Orthodoxe Kirche die Lehre des Lehrers des Hesychasmus kanonisierte, war seine Platzierung im Synodikon der Orthodoxie. Die Anathematismen gegen die Antipalamiten, die bis heute im [griechischen] Triodion enthalten sind, wurden erstmals am ersten Sonntag der Großen Fastenzeit des Jahres 1352 verkündet; es sind ihrer sechs, und nach diesen erfolgt die Ausrufung des «ewigen Andenkens» an alle die, die gegen die Barlaamiten und für die Orthodoxie gestritten haben; unter diesen Helden nimmt den ersten Platz Andronikos III ein: Andronikos Palaiologos, unserem ehrwürdigen und seligen Kaiser, der das erste Konzil gegen Barlaam einberief... Auf diese Weise blieb das Konzil von 1341 das Hauptzeugnis für den Sieg der Palamiten, und alles, was in der nachfolgenden Zeit der Wirren geschah, galt lediglich als Bestätigung des von diesem Imperator einberufenen Konzils, dessen Gültigkeit unbestritten war. Deswegen ist Andronikos der einzige Kaiser, der im «palamitischen» Teil des Synodikons gepriesen wird.[27]

Berücksichtigt man die Rolle der weltlichen Macht, besonders der Teilnehmer am Konzil des Jahres 1351, auf welchem auch der komplette Senat teilnahm, so kann man schließen, daß nicht nur die Kirche als solche, sondern auch die ganze Gesellschaft, welche zu diesem Zeitpunkt schon 1000 Jahre lang von der Kirche Christi verklärt wurde, auf diese Weise mit Bestimmtheit auf die neue heidnische Versuchung antworten konnte. Byzanz war in seinen Idealen eine kirchliche Gesellschaft, eine christliche Macht, ein einheitlicher Organismus von Menschen, welche die Kirche zum Heil führte, während die weltliche Macht als Beschützerin der Kirche auftrat. In manchen seltenen Momenten, wie zum Beispiel zu den Konzilien des 14. Jahrhunderts, war dieses Ideal größtmöglich realisiert.

Eine solche Lage gab es nicht in der Westkirche. In ihr konnte der Hellenismus Fuß fassen; er gebar die Scholastik im Bereich der Theologie, den Humanismus, die «Renaissance» im Bereich der Kultur. Das bedeutete vor allen Dingen den Beginn der Säkularisierung des lateinischen Westens, welcher die Orthodoxie ihrerseits dank dem Wirken des hl. Gregorios Palamas und der Hesychasten widerstehen konnte.

 

Fußnoten

[1] «безмолвие» - «Wortlosigkeit», d.i. «Schweigen» - d. Übers.

[2] hl. Antonios der Große, «Vorschriften für das Einsiedlerleben», Regel Nr. 104; siehe auch Regeln Nr. 6, 162, 216 u.a.

[3] hl. Johannes Klimakos, «Klimax» Nr. 27

[4] So bezeichnet Meyendorff in seinen Werken diese Art des Betens.

[5] Meyendorff, «Byzantinische Theologie», S. 80

[6] Meyendorff, ibid, S. 92

[7] Klimkow, «Die Erfahrung des Schweigens», S. 27 (zitiert S. Dil').

[8] Johannes VI. Kantakouzenos, *1293, +1383, Byzantinischer Imperator von 1347 bis 1354, ab 1354 Mönch.

[9] Demetrios Kydones war ein Verbündeter von Johannes VI Kantakouzenos, der selbst auch Wekre des hl. Thomas von Aquin übersetzte; er trat im Jahr 1363 in die Römische Kirche über. S. Erzpr. J. Meyendorff, ibid., S. 151-152

[10] Meyendorff, ibid. S. 153-154

[11] ebd., S. 155

[12] ebd., S. 33

[13] Kern, «Die Anthropologie des hl. Gregor Palamas», zit. nach: Pr. Oleg Klimkow, ibid., S. 33

[14] nach Meyendorff

[15] Bέρροια, Beröa nahe Thessalonike

[16] Stefan Uroš IV. Dušan „der Starke“ war Herrscher von Serbien und regierte von 1336 bis 1355.

[17] nach Meyendorff, «Einführung in das Studium des hl. Gregorios Palamas»

[18] Meyendorff, ibid.

[19] ibid.

[20] ibid.

[21] ibid.

[22] Die Bogumilen vertreten eine Lehre, welche u.a. als einziges Gebet das «Vaterunser» akzeptiert.

[23] Meyendorff, ibid.

[24] ibid.

[25] ibid.

[26] Meyendorff, «Die historische Bedeutung des theologischen Wirkens des hl. Gregorios Palamas», Sammelband «Orthodoxie und moderne Welt (Lektionen und Artikel)»

[27] Meyendorff, «Einführunf in das Studium des hl. Gregorios Palamas»

 

Quellen und Literatur

«Das Neue Testament unseres Herrn Jesus Christus» (kirchenslawisch). Neudruck der Moskauer Vertretung des Russischen Athosklosters des hl. Panteleimonos, 1995

Hl. Antonios der Große, «Vorschriften für das Einsiedlerleben»; Publikation im Internet unter der Adresse http://www.krotov.info/acts/04/ant_ust.html («Bibliothek des Jakow Krotow»)

Hl. Johannes Klimakos, «Leiter»; Publikation im Internet unter der Adresse http://www.krotov.info/library/i/lestvich/lestv00.html «Bibliothek des Jakow Krotow»)

Johannes Meyendorff, Protopresbyter; «Byzantinische Theologie»; Minsk, «Лучи Софии» 2001

Oleg Klimkow, Priester; «Die Erfahrung des Schweigens – Der Mensch in der Weltauffassung der byzantinischen Hesychasten»; Sankt-Petersburger Staatliche Universität, St. Petersburg, 2000

Johannes Meyendorff, Protopresbyter; «Einführung in das Studium des hl. Gregorios Palamas»; Publikation im Internet unter der Adresse http://www.krotov.info/history/14/palama_me/mey_00.html «Bibliothek des Jakow Krotow»)

Johannes Meyendorff, Protopresbyter; «Orthodoxie und moderne Welt (Lektionen und Artikel)»; Publikation im Internet unter der Adresse http://www.lib.eparhia-saratov.ru/books/12m/meendorf/orthodoxy/6.html (Eletkronische Bibliothek «Orthodoxie und Moderne» der Saratower Diözese der Russischen Orthodxoen Kirche)

 

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