Zur Bedeutung der Luther-Übersetzung der Heiligen Schrift in der Orthodoxen Kirche

Der folgende Artikel erschien im Themenheft der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens zum Jahr der Lutherdekade "Reformation – Bild und Bibel" 2015.

Themenheft Reformation - Bild und Bibel 2015Betrachtet man das der Luther-Übersetzung der Heiligen Schrift zugrunde liegende Problem, dass es keine „Bibel in Volkssprache“ gab, so kann man vermutlich davon ausgehen, dass diese Fragestellung für die von den Griechen missionierten Völker nicht oder in nur wesentlich geringerem Ausmaß bestand. Noch im 9. Jahrhundert sandte der mährische Großfürst Rostislaw nach Konstantinopel zum Kaiser und bat um die Entsendung von Missionaren, die der slawischen Sprache mächtig wären. Mit dieser Mission beauftragt wurden bekanntlich die beiden Brüder Konstantin und Method.

Vor Antritt der Missionsreise wurden in Konstantinopel Übersetzungen des Evangeliums, der Epistel, des Psalters und einiger liturgischer Texte ins Slawische vorgenommen. Die dafür eigens entwickelte und jetzt so genannte kyrillische Schrift war in ihrer Urform ein Werk des hl. Konstantin (im Mönchtum bekam er später den Namen Kyrill), seines Bruders, des hl. Method, und ihrer Schüler. Gerade die „Slawenmission“ illustriert in ihrem Wesen einen gewissen Unterschied zwischen Ost- und Westkirche in der Herangehensweise an die Mission – und führte, wie die Vita Constantini schildert, schon in ihrem Verlauf zu gewissen Auseinandersetzungen gerade hinsichtlich der Sprache, in der die Völker die Botschaft Christi vernehmen sollten. Die „Slawenapostel“ Kyrill und Method stießen bei ihrer Mission nämlich auf den Widerstand ... der deutschen Bischöfe. Den Grund für diesen Widerstand beschreibt die Vita Constantini folgendermaßen:

Als er [Konstantin / Kyrill] in Venedig war, versammelten sich gegen ihn die Bischöfe, Priester und Ordensleute, wie Krähen gegen einen Habicht, und vertraten die Häresie der drei Sprachen, indem sie sagten: "Mensch, sage uns, wie kann es sein, dass du den Slawen eine Schrift gabst und sie lehrst? Vorher hat niemand sie erreicht: weder die Apostel, noch der römische Papst, noch Gregorius Dialogus, noch Hieronymus, noch Augustin. Wir kennen ja nur drei Sprachen, in denen es möglich ist, Gott zu lobpreisen: Hebräisch, Griechisch, Lateinisch."

Es antwortete ihnen der Philosoph [1]: „Lässt nicht Gott den Regen gleichermaßen auf alle ergehen, scheint nicht die Sonne gleich auf alle herab? Schämt ihr euch nicht, nur drei Sprachen anzuerkennen? - Den anderen Völkern und Stämmen aber gebietet ihr, blind und taub zu sein?! (…) Wir aber kennen viele Völker, die Schriften haben und Gott verherrlichen, jedes in seiner Sprache. Es ist bekannt, dass dieses sind die Armenier, die Perser, die Abchasier, die Georgier, die Sogder, die Goten, die Avaren, Türken, Chasaren, Araber, Ägypter, Syrer und viele andere. [2]

Erst ein Eingreifen des Papstes (auf Seiten der beiden „Slawenapostel“!) beendete diese Auseinandersetzung.

Da die Luther-Übersetzung der Heiligen Schrift insofern die Antwort auf in ihrer Zeit aktuelle Fragen der Westkirche war, spielte sie im Wirkbereich der Orthodoxen Kirche (dem ersten Anschein nach) also keine Rolle; von einer Rezeption, die es gestatten würde, ein umfassendes Meinungsbild der Orthodoxie zu genau dieser Übersetzung zu zeichnen, kann keine Rede sein. Einzelne, in der Regel kritische, Aussagen sind allerdings überliefert. Die folgende Einschätzung eines russischen Starzen des 20. Jahrhunderts, Igumen Nikon (Worobjew) – er war der deutschen Sprache mächtig – mag deren Grundtenor wiederspiegeln:

Dieser Tage habe ich mir das Neue Testament in deutscher Sprache in Luthers Übersetzung vorgenommen, genauer das Evangelium nach Lukas, Kapitel 13 über die Galiläer, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte, und über die Toten beim Fall des Turms zu Siloah [3]. Meiner Ansicht nach ist Luthers Übersetzung sehr bezeichnend. Ihm mangelt es vollkommen am Verständnis dafür, wie die Buße von den hll. Vätern und der ganzen Orthodoxen Kirche verstanden wird, und deswegen gebraucht er dafür den rein äußerlichen Begriff „[sich] bessern“. (…) Ich hatte die Luther-Übersetzung des Neuen Testaments früher schon gelesen und mich oft über die Ungenauigkeit der Übersetzung, die Abweichungen vom orthodoxen Schriftverständnis gewundert. [4]

Diakon mit Evangeliar beim Kleinen Einzug während der Göttlichen Liturgie

Abgesehen davon bildet der Umstand, dass Luther bei der Übersetzung des Alten Testaments vom masoretischen Text ausgeht, ein gewisses Hindernis für die Rezeption in der Orthodoxen Kirche, für welche die Septuaginta einschließlich der „außerkanonischen“ Schriften (Apokryphen) maßgeblich ist. Zwar geht auch die heute in der Russischen Kirche (vorwiegend außerliturgisch) gebräuchliche Synodalübersetzung vom masoretischen Text aus, beinhaltet aber die Apokryphen; im Falle von Abweichungen zwischen Masoreten und Septuaginta bekam letztere bei der Übersetzung den Vorzug.

In deutschsprachigen orthodoxen Gemeinden der Russischen Kirche wird allerdings bei der Schriftlesung auf im deutschen Sprachraum gängige Übersetzungen zurückgegriffen – und das ist nicht selten die Lutherbibel, die sich aufgrund ihrer sprachlichen Schönheit einer gewissen Beliebtheit erfreut (die 2009 erschienene „Septuaginta Deutsch“ beispielsweise ist aufgrund ihrer syntaktischen Nähe zum Urtext für die Liturgie wenig geeignet).

Einen interessanten Sonderfall bildet vor diesem Hintergrund die Bibelpraxis der Serbischen Orthodoxen Kirche. Bei der 1847 (NT) und 1865 (AT) erschienenen, von Vuk Karadžić und Đuro Daničić vorgenommenen Übersetzung der Heiligen Schrift ins Serbokroatische diente die deutsche Luther-Übersetzung als Ausgangstext. Erst 2010 erschien eine Bibel in serbischer Sprache, welche auch die außerkanonischen Bücher des AT beinhaltet und somit nach orthodoxem Kanon wirklich vollständig ist.


[1] Beiname des hl. Kyrill.

[2] übers. nach Nikolaos H. Trunte, "Altkirchenslawisch"

[3] Lk. 13:1-5

[4] Igumen Nikon (Worobjew), „Briefe eines russischen Starzen an seine geistlichen Kinder“; Brief Nr. 227

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