Die neue russische Kirche in Dresden

Aus: „Über Land und Meer“ Nr. 4 (Allgemeine Illustrirte Zeitung) XXXIII Band, 17. Jahrgang; hg. Von F. W. Hackländer, Stuttgart 1874

von Gustav Rasch

Am 5. Juni fanden die Einweihungsceremonieen der neuen russischen Kirche statt, welche sich in Dresden am Ausgang der Reichsstraße erhebt und in einem Zeitraum von kaum zwei Jahren in ihrer ganzen Stattlichkeit und Schönheit aus dem Boden gewachsen ist. Die schnelle Vollendung des schönen Bauwerks ist ein Beweis, was Opferwilligkeit und Energie vermögen. Die neue russische Kirche ist aus der Opferwilligkeit der russischen Gemeinde in Dresden, aus Geschenken und Beiträgen der Mitglieder der russischen Kaiserfamilie, der russischen Synode und dresdener protestantischer Bürger zu Stande gekommen. Ein dresdener Privatmann, Herr Wollner, Protestant, schenkte der russischen Gemeinde den Platz, auf welchem die Kirche steht; ein Mitglied der russischen Gemeinde, Herr von Wikulin, gab zum Bau das enorme Geschenk von 160,000 Thalern, Herr von Obraszew fügte dem von Herrn Wollner geschenkten Baugrunde noch 1200 Quadratellen Baugrund hinzu, um auf diesem Platze die Wohnung für den Geistlichen zu erbauen; der Großfürst-Thronfolger von Rußland schenkte das silberne Kirchengeräth; die russische Synode 6000 Rubel, und von den russischen Gesandten in Dresden war es wiederum ein Protestant, Herr von Kotzebue, welcher sich am meisten und am thätigsten für das Zustandekommen der Kirche interessirt hat. Nachdem sich die Unterhandlungen der russischen Gemeinde mit dem dresdener Stadtrathe um Ueberweisung eines Bauplatzes ebenso zerschlagen hatten, wie um Ueberweisung eines Geldzuschusses, bequemte sich der dresdener Stadtrath schließlich, um doch hinter der Opferwilligkeit der Mitglieder der russischen Gemeinde und protestantischen Bürger nicht zu weit zurückzubleiben, zu einigen sachlichen Kompensationen, wie zur Legung der Gasröhren, zur Instandhaltung der zu der Kirche führenden Straße und zum Verzicht auf sein Miethzinssteuerrecht.

Die Kirche ist nach den Plänen und Zeichnungen des russischen Hofarchitekten, Staatsrath von Bosse, erbaut. Auch er hat umsonst gearbeitet und noch bedeutende Geldopfer aus eigenen Mitteln erbracht. Der Bau selbst wurde ausgeführt von Professor Wilhelm Weisbach. Die Bilder auf der Außenwand der Kirche sind von dem Maler Junker, die Gemälde am Ikonostas von Professor James Marchall [1] (…)

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[Der] Altar befindet sich also auch im Osten, der innere Raum der Kirche ist in zwei Theile getheilt: in das Allerheiligste, wo der Priester den sakramentalen Theil des Gottesdienstes vollzieht, und in den „Amwon“, wo die Priester, die Sängerchöre und die Andächtigen stehen. [2] Das Allerheiligste ist von dem Amwon durch eine Scheidewand getrennt, welche von den sie zierenden Heiligenbildern – ikony – der „Ikonostas“ heißt. Kein Weib darf das Allerheiligste, den Raum der Kirche hinter dem Ikonostas, betreten. Der Ikonostas enthält drei Thüren, durch welche die Priester mit den Andächtigen im Amwon kommunizieren. Diese drei Thüren im Ikonostas sind so angebracht, daß die mittlere sich gerade vor dem Altartische befindet. Dieses Hauptthor wird durch einen Vorhang gedeckt, welcher während des Gottesdienstes einmal auf- und einmal zugezogen wird. Das Auf- und Zuziehen des Vorhangs soll den Andächtigen zur Erinnerung an Christi Tod die Worte des Evangelisten in das Gedächtnis rufen: „Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriß in zwei Stücke, von oben an bis nach unten.“[3] Die Priester treten durch eine der beiden anderen Thüren, durch die südliche oder durch die nördliche, auf den Amwon und kehren durch das Hauptthor in das Allerheiligste zurück.[4] Eine unmittelbar vor dem Ikonostas befindliche Balustrade scheidet das Allerheiligste außer der Scheidewand von dem Amwon.[5]

Ganz nach diesen Anschauungen und Grundsätzen ist nun auch das Innere der neuen russischen Kirche in Dresden eingerichtet. Der Fußboden des Amwon besteht aus schwarzem und gelbem Marmormosaik. Der Ikonostas und Balustrade sind aus weißem Marmor von Carrara. Ueber dem Hauptthor des Ikonostas erblicken wir das Bild des heiligen Abendmahls. Die nördliche Thür ist mit einem Bilde des Engels Gabriel, die südliche mit dem Bilde des Engels Michael geschmückt.[6] Wenn die Thüren des Ikonostas geöffnet sind, schaut man hindurch bis zu den in der östlichen Wand befindlichen Fenstern, von denen das mittlere in sehr schöner Glasmalerei Christi Himmelfahrt zeigt.[7] Außer den schon erwähnten Bildern befinden sich auf dem Ikonostas noch die Bilder Christi des heiligen Simeon Diwnogorsky, dem die Kirche gewidmet ist [8], des heiligen Großfürsten Alexander Newsky, des heiligen Mitrophan von Kiew [9], der Mutter Gottes von Kasan [10], des heiligen Wunderthäters Nikolaus und der Madonna zwischen den Bildern der vier Evangelisten. Ueber dem Bilde Simeon’s ist ein silbernes Band zu sehen mit einer Inschrift in russischer Sprache. Sie lautet: „Dem Kurator dieser Kirche, Simeon Semanowitsch Wikulin [11], widmet dieses die dankbare orthodoxe Gemeinde am 24. Mai 1873.“ Herr von Wikulin, der auch zum Kurator der Kirche ernannt ist, schenkte, wie ich schon erwähnte, zum Bau der Kirche die Summe von 160,000 Thalern, und die Kirche ist dem heiligen Simeon geweiht, weil derselbe sein Namensheiliger ist. Vor dem Ikonostas stehen die vier gewaltigen, stark vergoldeten Kandelaber.

Die architektonischen Verhältnisse im Innern der Kirche sind äußerst harmonisch. In russischer Manier gemachte Stucksäulen deuten die Ecken in den verschiedenen Abtheilungen des Amwon an. Die Fenster sind roth verhangen und das Sonnenlicht, wenn es von außen in die Kirche dringt, überflutet die in einem hellen Farbenton gehaltenen Wände, die Vergoldungen und die prächtigen Bilder am Ikonostas, die weiße Marmorbalustrade und den farbigen Marmorboden mit einem rosenfarbenen Schimmer, während der Reflex des Sonnenlichts, welches durch die Oberfenster der Hauptkuppel fällt, gerade das Bild des Abendmahls über dem Hauptthore trifft, welches durch die Wand des Ikonostas in das Allerheiligste führt, so daß es scheint, als würde das Gemälde von der Rückseite beleuchtet. Und damit ich noch einen Vorzug dieser schönen, wenn auch nicht gerade sehr geräumigen Kirche nicht vergesse, die Kirche hat eine ganz vorzügliche Akustik. Die Stimmen des trefflichen Sängerchors, den ich während eines Gottesdienstes an einem Sonntag-Morgen hörte, klangen so harmonisch und so überaus wohltönend, daß sich selbst einige Unebenheiten wie von selbst glätteten. Einer besseren Akustik bin ich nirgends begegnet, in keiner Kirche und in keinem Musiksaal.

Die neue russische Kirche in Dresden. Lithographie nach einer Aufnahme von R. Römmler (1874).

Anmerkungen der Redaktion 2012:

[1] Sic im Original. Gemeint ist der Künstler James Marshall (1838-1902).

[2] Das russische bzw. griechische Wort „Amwon“ entspricht dem Ambo und ist, entgegen der Darstellung im Artikel, der im Kirchenraum etwas erhöhte Platz direkt vor dem Ikonostas und wird von beiden Seiten durch die Solea flankiert. In der Dresdener Kirche führen drei Marmorstufen zu diesem Ambo empor; Ambo und Solea sind in der Dresdener Kirche mehr oder weniger eins. Vom Ambo aus wird während der Göttlichen Liturgie z.B. das Evangelium durch die Geistlichen verkündet; in manchen Kirchen befindet sich auch der Chor auf dieser Ebene, in der Dresdener Kirche jedoch sind sowohl der Chor, als auch die „Andächtigen“ im Kirchenraum – dem Esoterikon und dem Narthex – positioniert.

[3] Diese Interpretation des Autors ist nicht nachzuvollziehen. Vielmehr symbolisiert der Vorhang – in der Göttlichen Liturgie – den Stein, mithilfe dessen das Grab Christi verschlossen wurde (vgl. Mt 27:60, Mk 15:46).

[4] Dies gilt nur für die feierlichen „Einzüge“ in den Gottesdiensten. Die normale Bewegungsrichtung ist: Eintritt in den Kirchenraum durch die nördliche, Eintritt in den Altarraum durch die südliche Tür.

[5] Die erwähnte Balustrade befindet sich rechts und links am Ambo und scheidet nicht das Allerheiligste vom Ambo, sondern die Solea vom Kirchenraum.

[6] Tatsächlich ist es genau umgekehrt: die nördliche Tür trägt das Bild des Erzengels Michael, die südliche das des Erzengels Gabriel. Diese Erzengel spielen für die Symbolik der liturgischen Gänge aus und in den Altarraum eine Rolle und können deshalb nicht beliebig platziert werden.

[7] Die Kirchenarchive sprechen von einer Glasmalerei, die Christi Auferstehung, nicht die Himmelfahrt, dargestellt hat. Diese Glasmalerei ist 1945 zerstört worden, es existieren auch keinerlei Fotographien oder Zeichnungen davon. Seit April 2004 hat die Kirche eine Deïsis als Fensterbilder, deren zentrales Element die Rubljow-Ikone „Christus Pantokrator“ bildet.

[8] Gemeint ist der heilige Simeon vom Wunderbaren Berge. „Diwnogorsky“ gibt die leicht verfälschte russische Version seines Beinamens wieder.

[9] Die damit gemeinte Ikone ist die des heiligen Bischofs Mitrofan von Woronesch. Ein heiliger Mitrofan von Kiew ist unbekannt.

[10] An der Ikonostase hat es nie eine Ikone der Muttergottes von Kasan gegeben. Der Autor meint vermutlich die Marienikone links von der Königspforte („Hauptthor“ im Artikel).

[11] Der Vatersname des Stifters der Kirche lautet „Semjonowitsch“ oder (weniger üblich) „Simeonowitsch“.

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