i Dieser Artikel erschien in der Reihe "WELTWEIT IN DRESDEN - das „deutsche Florenz" als neue Wahlheimat der Weltbürger" in "nonstop" 04/2004.

Menschen betreten das Kirchenschiff. Schreiten zum Altar, knien nieder, bekreuzigen sich. Lassen dann Kerzen entzünden, die sie vor einer der Ikonen aufstellen. Jetzt tritt Erzpriester Georgi Dawidow vor die Gläubigen, betet mit ihnen, segnet sie. In Dresdens Russisch-Orthodoxer Kirche des Heiligen Simeon vom wunderbaren Berge hat der Gottesdienst begonnen...

Zeit damit für den Chor, sich in die Göttliche Orthodoxe Liturgie einzubinden - natürlich, wie stets, a cappella. Denn jene die Stelle des gesprochenen Wortes einnehmenden und mit dem Priesterauftritt sich abwechselnden Gesänge gehören fest zur orthodoxen Kirchenfeier und tragen wesentlich zu deren verinnerlichter Atmosphäre bei. Auch zu diesem sonntäglichen Gottesdienst. Lässt Igor Danylyuk „seine“ 20 Sängerinnen und Sänger doch zu Beginn ein feierliches „Credo“ intonieren. „Seine“ deshalb, weil er den, auch sprachlich, gemischten Chor der Kirche an der Fritz-Löffler-Straße bereits das siebte Jahr leitet.

Fast genauso lange also schon, wie der aus dem westukrainischen Ternopil Gebürtige zuvor in Odessa Musik studierte. Und ebenso lange, wie er dort und in Moskau anschließend Chöre dirigierte. „Bis ich 1996 nach Spanien in den Urlaub reiste, richtiger gesagt: reisen wollte“, sagt der 42-Jährige. „Denn ich kam dort nicht an, weil ich in Dresden Zwischenstation machte und Erzpriester Georgi Dawidow einige Tage um Unterkunft bat.“ Aus drei Tagen wurden schließlich drei Wochen, „weil ich mich in die Stadt am Strom verliebte. Und: mein Gastgeber mir anbot, an seiner Kirche die Stelle der 1995 verstorbenen Chorleiterin Inge Fink zu übernehmen.“

Und eben dies tat Igor Danylyuk - nach zahlreichen Gesprächen und neuerlichen Reisen zwischen Odessa und der Stadt am Strom - dann 1997. „Schließlich waren mir Dresdens wundervolle Architektur, Natur und liebenswürdiger Menschenschlag längst ans Herz gewachsen. Ebenso wie die rund 1000-köpfige Gemeinde der Kirche und deren lange Geschichte.“

Denn die hat das mit seinen fünf blauen Zwiebeltürmen und den goldenen Kreuzen seine Umgebung märchenhaft prägende Gotteshaus in der Tat. Infolge zunehmender russischer Ansiedlungen 1874 mit Spendenmitteln des Diplomaten Wikulin, der Zarenfamilie und des Heiligen Synod von St. Petersburg erbaut - und damit in diesem Jahr ihr 130. Jubiläum begehend -, durchlebte ihre Gemeinde ein wechselvolles Schicksal. Zunächst von Sachsens Regierung als gleichberechtigt anerkannt und später Künstler wie Dostojewski und Rachmaninow anziehend, wurde ihr Gottesdienst 1915 verboten. Nach dem 1. Weltkrieg stießen dann viele Exilrussen zu ihr, bevor sie von den Nazis unter Druck gesetzt und ihre Kirche 1945 schwer beschädigt wurde. Danach aber zog in sie wieder religiöses Leben ein - und pulsiert darin bis heute.

Dank nicht zuletzt auch Igor Danylvuks Chorleitertätigkeit, die er hier ausführt: ehrenamtlich ausführt, Denn „hauptberuflich“ studiert er - inzwischen fließend Deutsch sprechend - am Philosophischen Institut der TU Dresden Musikwissenschaften. Mit welchem Ziel? „Um später vielleicht als Musikbibliothekar arbeiten zu können.“ Dann möglicherweise schon als Dr. phil., will der Wahldresdner doch noch promovieren. Und sein, schon feststehendes, Thema „Die geistlichen Grundlagen des allrussischen Systems gottesdienstlicher Gesänge“ soll, wie er sagt, nicht nur eine Wissenslücke schließen, sondern zugleich ihm selbst helfen: auch dabei, dem Chor der Russisch-Orthodoxen Kirche noch lange vorstehen zu dürfen.

Autor: Heinz Weise