Kirche in Homs

Dieses Interview erschien ursprünglich auf der rumänischen Internetseite Kmkz.ro. Quelle für die Übersetzung ins Deutsche ist Pravoslavie.ru.

Unser Gesprächspartner S.M. ist Syrer und orthodoxer Christ, der in Rumänien studiert hat. Jetzt lebt er inmitten dieses Krieges und ist über ihn einer ganz anderen Meinung, als man das aus den Medien in Europa gewöhnt ist. Er bat darum, seinen Namen nicht zu veröffentlichen, und aus diesem Grunde kann man davon ausgehen, dass das weiter unten veröffentlichte Interview mit ihm aufrichtig ist und die syrische Regierung ihn nicht etwa dazu zwingt, sich z.B. positiv über den syrischen Staatspräsidenten Baschar al-Assad zu äußern.

Wie sieht ein in Syrien lebender Christ die Lage im Lande?

Ich bin Syrer und habe in Rumänien studiert. Nach meinem Studium bin ich in meine Heimat zurückgekehrt. Die Lage hier ist durchaus beklemmend. Noch vor kurzer Zeit war Syrien eines der besten Länder der Welt (im Jahr 2009 lag es an vierter Stelle einer Liste der friedlichsten Länder der Welt, im Jahr 2010 noch auf Platz 8 unter den beliebtesten Tourismuszielen). Dann änderte sich die Lage bruchartig, und schon zwei Jahre später - 2012 - war Syrien im Dutzend der zerrüttetsten Staaten der Welt.

Diese schnell ablaufenden, traurigen Veränderungen sind nicht nur für mich, sondern auch für die Syrer weltweit ein Schock gewesen. Sicherlich hat es mich am meisten bekümmert, dass meine Familie bedroht war, ich aber war weit weg und konnte ihr nicht helfen. Jetzt bin ich zurückgekehrt und verstehe besser, in welcher Gefahr die Syrer in den vergangenen zweieinhalb Jahren gelebt haben. Leider erwies sich die Realität als viel schlimmer, als ich mir das vorgestellt habe.

Das, was ich sage, wird viele verwundern, die sich von den westlichen Medien haben beeinflussen lassen, doch die Wahrheit muss gesagt werden. Aus Sicht eines syrischen Christen ist das, was in Syrien abläuft, keine Revolution… brauchen wir etwa eine Revolution? Wir lernen in Schulen und studieren an Universitäten, werden in Krankenhäusern behandelt und für all das bezahlen wir keinen Pfennig. Auch die sonstigen Preise waren sehr klein. Man kann freilich nicht sagen, dass das Leben uneingeschränkt wunderbar gewesen ist, aber sollte das etwa Grund dafür sein, eine Revolution zu starten? Sicherlich nicht.

Was die Korruption in meinem Land angeht, so ist sie genau so wie in jedem anderen Land. Wenn man von Rechten spricht, so steht jedes beliebige islamische Land uns lange nicht nahe. Syrische Christen lebten sehr gut, wir hatten ganz genau die gleichen Rechte wie die Moslems, und ich hatte nie das Gefühl, als sei ich darin eingeschränkt oder es fehle mir an noch mehr Freiheiten. Als Christ hatte ich ganz genau die gleichen Rechte wie die Moslems, mit Ausnahme des Rechts, Präsident werden zu können.

In gewissen Dingen haben wir sogar mehr Rechte als es sie in anderen Ländern gibt, als in christlichen oder nominell säkularen. Beispielsweise können unsere Geistlichen vollkommen problemlos in ihren Talaren in der Öffentlichkeit auftreten, während in der Türkei allein der Patriarch dieses Recht genießt. Unsere Kirchen sind von der Entrichtung von Zahlungen für kommunale Dienstleistungen befreit, in Rumänien zum Beispiel ist das nicht so, und so weiter.

Kirche in Homs nach Beschuss durch die "Rebellen"

Kirche in Homs nach Beschuss durch die "Rebellen" 

Wollen Sie damit sagen, dass die Proteste gar nicht echt, sondern fabriziert gewesen sind?

Als diese sogenannte “Revolution” begann, sind tatsächlich einige Menschen auf die Straßen gegangen, um Reformen zu fordern. Unser Land braucht tatsächlich Reformen, aber der Westen und die arabischen Länder, die mit der Politik Syriens nicht einverstanden sind, haben die friedlichen Kundgebungen missbraucht und bewaffnete islamistische Extremisten eingeschleust - so begann die Krise. Befragen Sie die Syrer! Sie werden Ihnen sagen, dass Syrien heute mit Terroristen aus 38 verschiedenen Ländern überschwemmt ist - einige von ihnen sind aus Europa, andere sogar aus Australien, Amerika, Großbritannien, der Großteil allerdings aus den arabischen Ländern und der Türkei. Die Terroristen - und das ist belegt - besitzen Waffen aus Israel, Frankreich, den USA und Großbritannien. Die offiziellen Streitkräfte des Landes nutzen solches selbstverständlich nicht.

Viele meiner Freunde wurden von Ausländern umgebracht, unter denen es auch solche gibt, die gar nicht Arabisch zu sprechen vermögen. Die, welche Arabisch sprechen, haben einen fremden Dialekt, keinen syrischen… besonders die aus Libyen, Saudi-Arabien, Ägypten und so weiter. Mir bricht das Herz, wenn ich aus den Medien höre, dass die syrische Armee angeblich Zivilisten tötet oder dass Präsident Baschar al-Assad gegen die eigene Bevölkerung Krieg führt, während wir, die Syrer, mit eigenen Augen sehen können, wer es ist, der friedliche Zivilisten und unsere Soldaten umbringt...

Wir sehen und hören diese Lügen, können aber nichts dagegen tun. Weshalb? Weil der Westen, besonders die Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien wollen, dass wir das glauben, was sie sagen. Sie sprechen immer im Namen der Syrer, aber nie hat jemand auch nur einmal daran gedacht, die Syrer selbst zu Wort kommen zu lassen, um zu erfahren, wie sie die Lage sehen.

Gut, aber wer hat denn nun Sarin angewendet - die Assad-Armee oder die Opposition?

Zuerst einmal gibt es im Sprachgebrauch der Syrer keine solche Bezeichnung wie “Assad-Armee”. In Syrien gibt es derzeit drei Kräfte: die syrische Nationalarmee, nicht etwa die “des Präsidenten”, die Freie Syrische Armee, deren Kräfte sehr beschränkt sind und die aus syrischen Aufständischen besteht, die sich diese Krise zunutze gemacht haben, die dritte Kraft ist die Al-Kaida… Wer etwas anderes behauptet, der hat keine Vorstellung von der Krise in Syrien und wird durch die westlichen Massenmedien manipuliert, wo immerzu gesagt wird, in Syrien gebe es Kampf zwischen der “Assad-Armee” und denen, die Freiheit und Demokratie fordern.

Das Giftgas Sarin wurde nahe Damaskus eingesetzt - 3 Kilometer entfernt. Wer hat Ihnen gesagt, dass die Armee chemische Waffen eingesetzt hat? Die westlichen Medien. Doch wer kann denn ernsthaft glauben, dass die Armee einen Angriff mit Chemiewaffen just an dem Tag unternimmt, an dem diejenigen bei uns eintreffen, die einen solchen Angriff untersuchen sollten? Wie kann man die Tatsache erklären, dass die Opfer des Angriffs ausschließlich Frauen und Kinder sind, wie man das auf den Bildern sieht? Und darüber hinaus ist es vollkommen unmöglich, dass in dieser Gegend Sarin eingesetzt worden war, ohne dass es bis zu uns vorgedrungen ist - wir sind ja hier, wie gesagt, nur 3 Kilometer von dem Gebiet entfernt.

Selbst die Bilder, die man Ihnen in den westlichen Medien zeigt, bezeugen, dass das Sarin durch Injektionen in die Körper der Opfer gelangt ist. Russland besitzt Beweise, die der Westen nicht veröffentlicht sehen will. Und von dem Angriff mit chemischen Kampfstoffen gegen unsere Armee am darauffolgenden Tag haben Sie wahrscheinlich auch nichts gehört, denn eure Medien sind nicht daran interessiert, dass ihr davon erfahrt.

Kloster Sednaya nach Beschuss durch die ''Rebellen''

Kloster Sednaya nach Beschuss durch die ''Rebellen''

Warum haben die UN-Inspektoren, welche die Sarin-Attacke untersuchten, sich nicht unmissverständlich in einem klaren Bericht dazu geäußert?

Aber das ist doch vollkommen klar. Weil die UNO, die USA und Europa es darauf abgesehen haben, die syrische Armee zu beschuldigen, aber bislang noch keinen einzigen Beweis gefunden haben. Wenn man allerdings Beweise findet, die zu Lasten der Aufständischen gehen, schweigen sie, denn es war von Anfang ihre Agenda: der Welt vorzumachen, dass die bewaffnete “Opposition” in Syrien etwas ehrenwertes sei, dass sie für die Freiheit kämpft und nicht zu solch schlimmen Dingen in der Lage sei.

Allerdings hat die Welt den US-amerikanischen Krieg gegen den Irak nicht vergessen. Anlass für die Invasion war damals die Gefahr der Anwendung von Chemiewaffen, welche man dort, gleich, wie sehr man suchte, nicht finden konnte. Die Leute haben Angst, dass sich diese Tragödie wiederholt, in Wahrheit ist es aber wirklich schon so… die syrische Regierung hat oft genug verlauten lassen: “Chemiewaffen, wenn es diese denn gibt, werden wir niemals in Syrien anwenden.”

Jetzt sagen Sie mir aber bloß nicht, dass man in Syrien keine Christen umbringt, wie das beispielsweise auch im Iran an der Tagesordnung ist...    

Die Art, wie Sie die Frage stellen, ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie man durch Medien manipuliert wird. Warum führen Sie denn das Beispiel des Iran an, obwohl Christen im Iran gar nicht verfolgt werden, im Gegensatz zu denen in Saudi-Arabien, Katar, Ägypten und anderen Ländern? Warum? Weil diese Länder mit den Amerikanern befreundet sind, deshalb schweigen die Medien zu den Verfolgungen dort. Indes haben Christen in diesen Ländern beiweitem nicht die Freiheit, welche die Christen in Syrien genießen.

Wie dem auch sei, Christen wurden vor der sogenannten “Revolution” in Syrien niemals verfolgt. Bis 2008 war Syrien für seine Christen ein Paradies. Nur in Syrien waren die christlichen Feste auch offizielle staatliche Feiertage. Christen, die in staatlichen Einrichtungen arbeiten, dürfen es sich an den Sonntagen erlauben, zu spät zur Arbeit zu kommen, wenn sie an den Gottesdiensten teilnehmen. Historische christliche Denkmäler, welche in hervorragendem Zustand bewahrt werden, sind in der ganzen christlichen Welt bekannt und zeugen beredt von der Freiheit der Christen hier.

Damaskus ist die Residenz dreier Patriarchen, also die Stadt mit den meisten Patriarchen weltweit… Nichts könnte diese Patriarchen dazu zwingen, in einem Land zu verbleiben, in dem sie verfolgt werden. Ich habe fünf Jahre in Rumänien gelegt und sage Ihnen ehrlich, dass ich nicht glaube, dass die Christen in Rumänien mehr Freiheiten haben als die Christen in Syrien, einzig der Präsident hier bei uns muss zwingendermaßen ein Moslem sein.

Nach der sogenannten “Revolution” bekamen die Christen Probleme. Viele christliche Siedlungen wurden von Terroristen überfallen. Viele Christen wurden aus ihren Häusern vertrieben, viele einzig und allein deshalb umgebracht, dass sie Christen sind.

Jetzt, während ich mit Ihnen spreche, wird Maaloula von ausländischen Terroristen angegriffen. Das sind keine Syrer. Gestern wurden in diesem Städtchen zwei Klöster überfallen, es wurde eine Kirche zerstört, ebenso die Schule für Aramäische Sprache. Solche Fälle hat es niemals vor der sogenannten “Revolution” gegeben.

Die syrische Kirche spricht davon, dass die Zahl der umgebrachten Christen inzwischen bei über 4.200 liegt, 21 Kirchen und 8 Klöster sind zerstört worden. Mehr als 7.000 wurden geplündert. Sehen Sie, wohin wir, die Syrer, geraten sind, die wir einst stolz darauf waren, dass wir in einem der friedlichsten Länder der Welt lebten.

Die Äbtissin des Klosters in Sednaya zeigt die Zelle, die durch den Angriff der Rebellen im Januar 2012 getroffen wurde.

Die Äbtissin des Klosters in Sednaya zeigt die Zelle,
die durch den Angriff der Rebellen im Januar 2012 getroffen wurde.

Was denken Sie, was glaubt Ihre Familie in Syrien, Ihre Freunde, was getan werden muss, damit der Bürgerkrieg aufhört? Müssen die USA, Großbritannien, Frankreich und Israel sich einmischen, wie sie das vorhaben? Wäre das eine Lösung?

Keiner von uns wäre mit einer militärischen Intervention einverstanden… Wir haben gesehen, was die Amerikaner getan haben, als sie in den Irak gegangen sind. Die Lösung liegt darin, dass die westliche Welt die Unterstützung der Terroristen einstellt, die Türkei ihre Grenzen dicht macht. Lasst unser Land, lasst unser Volk in Ruhe. Syrien hat im Verlauf seiner Geschichte der Welt die Macht der Zivilisation, nicht die Macht der Gewalt vorgelebt. Das ist es, was ich der ganzen Welt sagen möchte.

Warum kehren Sie nicht einfach nach Rumänien zurück?

Meine Familie leidet hier, mein Volk leidet hier, meine Kirche - auch sie leidet hier. Ich würde mich nicht mehr als Syrer fühlen, wenn ich diese Leiden mit ihnen nicht teilen würde.

Ich weiß, dass es Sie erstaunt, was ich Ihnen erzähle, weil man bei Ihnen die Meinung durch die Massenmedien manipuliert. Es ist Ihr gutes Recht, mir zu glauben oder nicht mit mir einverstanden zu sein. Doch eins ist sicher: das, worüber ich Ihnen erzähle, ist der Schmerz eines Syrers, der diese Sache hier durchleben muss, und die tägliche Todesgefahr ist Realität.

 

S.H. Patriarch Kyrill besucht im November 2011 Damaskus

S.H. Patriarch Kyrill besucht im November 2011 Damaskus